280 Die erzählende Dichtung
ritterliche Standeszeremoniell verpflichtete Kavalier. Und mitten im Kampfum den Glauben wird doch die weltliche Kultur gepflegt und die schöneLebensform. Ein solch geschmücktes Dasein entfaltet sich bei dem Empfangder Gäste in Oransche durch Willehalm und Gyburc 244, 1—251, 2, wobeiGyburc ihren Jungfrauen Lehren der hövescheit gibt, sich gesellschaftlichzu benehmen und keine Unfreude aufkommen zu lassen 246, 28—248, 8.Im Humanismus des Rittertums ist die Harmonie zwischen Diesseits undEwigkeit hergestellt, hier der Mannesruhm und dort das Paradies 14, 27.In der Geschichte selbst liegt die Notwendigkeit für die Wertschätzung desritterlichen Laientums, denn ohne seinen Arm würde die Kirche ihre religiös-politischen Ziele nicht erreichen können.
Der Willehalm ist eine ritterliche Legende, demnach ist der ethische Ge-halt religiös begründet, aber ritterlich-weltlich bezogen. Einen großen Raumin der Gesamteinrichtung nehmen die religiösen Stoffteile ein. Gleich durchden theologischen Prolog 1, 1—2, 25 wird die religiöse Richtung des Ge-dichtes gekennzeichnet: es ist der Inhalt des apostolischen Glaubensbe-kenntnisses, 1 die Trinität mit den Eigenschaften der drei Personen als Macht,Weisheit, Güte, (der Vater 1—18, der Sohn 19—28, der heil. Geist 2, 16—25). Besonders hervorgehoben wird Gott als Weltschöpfer 2 und daran wirdein kosmisches System geknüpft: Planeten, die vier Elemente, die Tiere, dieSonne und Tag und Nacht, Steine und Pflanzen 1, 29—2, 15. Es sind dieder Zeit geläufigen Grundlehren des Glaubens und des Weltganzen, die dieLegende vom Sieg des Christentums mit stimmungsvoller Größe einleiten.In das Universum hat Wolfr. die Taten seines Helden und seiner Mitstreiterhineingestellt als ein weltgeschichtliches Ereignis, als einen Teil des gött-lichen Weltplans.
Der religiöse Grundgedanke, der Krieg als Glaubenskampf, wird immerwieder hervorgekehrt. Das letzte Ziel des Kreuzritters ist doch nicht Frauenminne;,die ist eben nur eine Verschönerung des irdischen Daseins, der dauerndeGewinn ist die Erwerbung der ewigen Seligkeit, der soll (Lohn) des ewegenlebennes 37, 21, swer durch Willehalm erstarp, der sele sigenunft erwarp37,29 f.; des libes tot, der sUe vride erwarben Franzoyscere da 32,6; des libesarmuot — der sele richeit 216, 28. 3 Kreuzzugsstimmung ist auch der Inhaltverschiedener Ansprachen Willehalms. In beiden Kreuzreden, mit denen erdie Helden vor der ersten und der zweiten Schlacht vorbereitet 16, 22—17, 22 bzw. 319, 29—320, 30 und 322, 1—30, ist das anspornende Motivdas Heil der Seele und der Gruß werter Frauen. Die mehr politischen Redenim Fürstenrat 295, 25—304, 5 betonen dazwischen ebenfalls die beiden
1 Ehrismann, Stud. S.47—49, Festschr. f.Voßler S. 177 f.; Nachahmungen des Willeh.-Prologs: R. Ritter, Die Einleitungen der ad.Epen, Bonner Diss. 1908, 19.
2 Damit beginnt das einleitende Gebet desRol.lieds u. Wolfr. ist vielleicht durch diesesangeregt worden, Singer S. 1. Einiges wenige
vielleicht aus d. Prolog zu d. lat. Vita, SingerS. 2.» Äuch3,4f. 14,8—25.16,22. 31,12—32,7.48, 29. 101,5—7. 309, 5. 320,27—30. 322,4—30. 344, 28—30. 363,29 f. 405, 22. 420,6—18.435,1. 447, 10. 451, 4 f. u. 10. 454, 18-21.