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Die erzählende Dichtung
men müssen. Vielleicht hat er aus einer Hs. des Wilhelmzyklus, deren In-halt ihm durch Erzählung oder durch eigenes Lesen nur oberflächlich be-kannt wurde, weitere Kenntnis der franz. Literatur über Guill. d'Orange er-halten. 1 Wahrscheinlich ist es also, daß W. noch andere Zweige (Branchen)des Wilhelmzyklus gekannt hat. Verschiedentlich stößt man im Wh. auf Stel-len, die in anderen Chansons des Sagenkreises erzählt sind, zumeist in sol-chen, die der Schlacht von Aliscans voraus liegen (bes. die Vorgeschichtevon der Erwerbung der Arabele in den Chansons Charroi de Nimes undPrise d'Orange).
Obwohl also die Vergleichung von Wolframs Wh. mit unserer franz. Ch.d'Alisc. vielfach unsicher bleiben muß, so ist doch mit Sicherheit nach-gewiesen (Singer), daß er seine Vorlage sehr frei und oft nur in allgemeinenUmrissen wiedergegeben hat. Er hat ihr eine ausgeprägtere künstlerische Formund einen humaneren geistigeren Gehalt verliehen und hat damit das franz.spielmännische Volksepos in die höfische Sphäre erhoben. Die äußeren Ände-rungen beruhen auf einer stärkeren und sorgfältigeren Durchdenkung desStoffes. 2 Durch Umstellung der Reihenfolge, Vorwegnahme zeitlich frühererBegebenheiten, Zusammenfassung von Szenen ist der Stoff sinngemäß ge-ordnet (Sing. S. 13. 22. 23. 26 usw.); mit reicherem Leben ist er erfüllt durchEinführung neuer Auftritte, z. B. von Liebesszenen 99,15 ff. u. 279,1 ff. (Sing.S.41. 90), realistischen Einzelheiten (eine Mahlzeit 103, 23—25, Sing. S.42);Unterteile werden eingehender gezeichnet, wodurch allerdings auch der Flußder Erzählung gehemmt werden kann, desgleichen wie durch ausführendeBegründung von Erzähltem und durch Zusätze von Reden oder Auflösungder Erzählung in Redeszenen (Sing. S. 62). Die größte Freiheit hat Wolframim VIII. B. entfaltet: die Schilderung einer regelrecht sich entwickelndenSchlacht ist ganz sein Eigentum. — Das franz. Original und die deutscheBearbeitung sind schon im innersten Grunde der Lebensanschauung getrennt.Sie stehen auf zwei verschiedenen Kulturstufen: die Helden des franz. Spiel-mannsgedichtes haben die Sitten einer älteren Zeit und einer niedereren Bil-dungsschicht, der deutsche Ritter veredelt das Leben zu höfischen Kultur-formen. Aber die stärkste geistige Umformung hat Wolfram dadurch geschaffen,daß er die religiöse Intoleranz durch ihr Gegenteil, durch Humanität ersetzthat; die menschenfreundliche Behandlung der Heiden durch Willehalm amSchluß ist z. B. Zusatz von Wolfram.
Stark beeinflußt sind Inhalt und Stil durch Wolframs außerordentliche Be-
1 Vgl. Bernhardt, ZfdPh. 32, 51—56. 34,546—48; Bacon pass.; Singer S. 91. 94;Martin II S. XVII. — Man unterschätzt auchhier W.s Selbständigkeit u. Literaturkenntnis,wenn man annimmt, daß er alle die Stellen,die er mit andern Zweigen gemein hat, schonin der ihm vorliegenden Ch. d'Alisc. vorge-funden habe. Ein Beispiel: die Stelle 298,11.14—16, die in Charroi de Ntmes ihren Ur-
sprung hat, soll in W.s Chans. d'Alisc. gestan-den haben (Bacon S. 60f.); aber die ganzeBeratungsszene 295, 25-311, 6 ist von W.selbst eingeschaltet (Singer S. 94—97); wosollen denn dann in d. frz. Ch. d'Al. die Verse,die W. mit 298, 11 ff. übersetzte, angebrachtgewesen sein?2 Mißverständnisse s. Singer S. 104.