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Die erzählende Dichtung
Der Held ist eine historische Persönlichkeit aus hohem Geschlechte, 1 derGraf Wilhelm (ahd. Willehalm, woraus franz. Guillaume) v. Toulouse, derBefreier Südfrankreichs von den Sarazenen, der Christen von den Ungläu-bigen. Durch seine tapferen, wenn auch nicht siegreichen Taten in der Schlachtam Orbieu (bei Narbonne, 793), in der er trotz der Flucht der andern Heer-führer stand hielt, wurden die in Aquitanien eingefallenen Araber zum Rück-zug bewogen. Karls d. Großen Sohn Ludwig (später Ludw. d. Fromme),den schon als Kind Karl zum König über Aquitanien setzte, führte er zurEroberung von Barcelona — diese Tat wird von Ermoldus Nigellus in seinemLobgedicht auf Kaiser Ludwig d. Frommen B. I poetisch besungen 2 — undlegte damit den Grund zu der spanischen Mark a. 801. Später tat er seineweltlichen Würden ab und zog sich in das von ihm gegründete KlosterGellone (Vallis Gellonis) bei Monpellier zurück, a. 806, wo er a. 812 alsheiliger Mönch starb. Seine zweite Gemahlin ist urkundlich als Guitburga(Gyburc des Gedichtes) überliefert. Dieser historische Graf Wilhelm v. Toulousewurde zum legendarischen St. Wilhelm. 3 Die älteste lat. Legende von derMönchung des heil. Wilhelm findet sich eingeschaltet in dem Leben desheil. Benedict von Aniane von Ardo genannt Smaragdus, dem NachfolgerS. Benedicts, f 843. Die selbständige Legende des heil. Wilhelm, die inden Acta Sanctorum (Tom. VI, 810 ff., Antwerpen 1688) veröffentlicht ist,wurde im 11. Jh. verfaßt. Sie enthält in ihrem ersten Teil die KriegstatenWilhelms, im zweiten das Klosterleben und beruht teilweise auf franz. epischenGedichten. Zeugnis über die Verbreitung der Legende im 11. Jh. geben dernormannische Mönch Ordericus Vitalis (| nach 1141) in seiner Kirchenge-schichte, wo unter den Beispielen heiliger Krieger auch S. Guillelmus an-geführt ist; und der Mönch Alberich von Trois Fontaines in seiner Chronik(Mitte 13. Jh.s), der ihn als Krieger und als Heiligen preist (San-Marte,Leben und Dichten 2, 83f.; Jonckbloet 2, 38—40).*
Die Geschichte wird zur Sage und Dichtung, in der Dichtung erhältsich die Sage, in ihr ist sie „literarisch gefestigt". 5 Wilhelm ist zu einemfranzösischen Nationalhelden geworden, auf ihn wurden die Taten andererTräger des Namens Wilhelm und andere Sarazenenkämpfe übertragen, sowirkte auch der Ruhm Karl Martells in ihm nach, der 732 bei Poitiers dieAraber besiegte unter ihrem König Abderrhaman (Desrame im franz. Ge-dicht, Terramer in Wolframs Willeh.). Eine Erweiterung erhielt die ursprüng-liche Wilhelmssage, der Glaubenskrieg, durch die Verbindung mit der Va-sallensage, die einen eigenen Kreis des franz. Nationalepos ausmacht. Ihr
1 Jonckbloet 2, 21 ff.; Ph. A. Becker S. 1—10.
1 Jonckbloet 2, 27 ff.; Ebert 2 1 , 170 ff.;Ph. A.Becker S. 10—16.
3 Jonckbloet 2, 30—40. 67 ff. 117—35;Ebert 2', 347Anm.2. Verwandtschaft mit derMönchung des Waltharius in der NovaleserChronik (LG. I, 394 f.): Jonckbloet 2, 134 ff.;
Ph. A. Becker S. 89 ff. 104 ff. — EinzelneWunderlegenden: GoswinFrenken, Wunderu.Taten d. Heiligen, Münch. 1925, S. 145.226 f.
4 Der heil. Wilhelm in Dantes Paradies 18,46 f., Göttl. Com. ed. Philalethes 3, 262 f.;Ehrismann, Festschr. f. Voßler S. 177—79.
5 Gröber, Grdr. S. 453; vgl. auch Ph. A.Becker S. 136.