§ 43. Wolframs Willehalm 271
Parz. Der Landgraf Hermann v. Thüringen hat dem Dichter die Erzählungbekannt gemacht 38 f. Zwei historische Jahresdaten lassen sich dem Gedichtselbst entnehmen: die Krönung Ottos IV. in Rom, B. VIII, 393, 30—394, 5,fand im Oktober 1209 statt; der Dribock, eine III, 111, 9 und V, 222, 1 ge-nannte Belagerungsmaschine, wurde in Deutschland erstmals bekannt imJ. 1212. J Den großen zeitgeschichtlichen Hintergrund des Gedichtes bildetder Kreuzzugsgedanke (Singer S. 4 f. 29.68.111.117.123), der seit der zweitenKrönung Friedrichs IL in Aachen im Juli 1215, wo er das Kreuz nahm, dieäußere und damit auch die innere Politik beherrschte. Wolfram wird alsoden Wh. um 1215 begonnen haben, jedenfalls nach 1212. Für die untere Zeit-grenze ist in dem Gedicht kein Anhaltspunkt gegeben. Es ist unvollendetabgebrochen. 2 Der letzte Gedanke Der markgräf (markis) guotgeleite dangap dem hoch gelopten man 3 ist nicht das letzte Wort über ein Helden-leben, das der Verteidigung der höchsten Güter geweiht ist. Die Veranlas-sung, weshalb Wolfram den Willehalm unvollendet ließ, ist nicht bekannt.Eine Wendung in seinem Lebensschicksal muß hier eingetreten sein. Oderhat ihn der Tod ereilt? 4
1 Alw. Schultz, Höf. Leben l 2 , 375 ff.;Schreiber S. 153 f. — Der Preis des römischenKaisers IX, 434, 6—15 bezieht sich nicht aufeinen bestimmten Zeitpunkt, sondern ist, wieaus dem Zusammenhang hervorgeht, ein Aus-fluß der imperialistischen Reichsidee (SingerS. 122 f.). — Die antiwelfische Gesinnung W.s(Singer S.lll) reicht nicht zur Bestimmungeines genauen Zeitpunktes aus.
2 Zur Frage .ist der Wh. vollendet?': Bern-hardt, ZfdPh. 32,36—40.34,548f., wo weitereLit.; SingerS. 2 f 91.91. 103.
3 Das Schlußwort lautet: sus rämt erProven-zälen lant. In K (von anderer Hand als derdes Hauptschreibers) und in m folgen noch15 Verse (Lachmann S. XXXIV, Leitzmann,Ausg. H. 5 S. 155, auch S.X), die jedoch höchst-wahrscheinlich unecht sind (Bernhardt,ZfdPh.32, 38; Singer S. 128, anders Paul,Beitr. 2,322). Sie sind nur ein kurzer Auszugaus 452, 15—460, 26: dort tröstet Bernartv.Brubant 456,28, hier der wise Glbert 467,21(vgl. 179,15), Bernarts Bruder, der oft im Wh.mit ihm zusammen genannt ist (vgl. bes.467,20 u. 457,4. 467,22f. u. 457, 6f. 460,18—20).Auch nach Ulr.v. Türheim bricht W.s Wh mitdem Satz sus rümt er . .. ab (Lohmeyer, DieHss.d.Wh. Ulr.s v. Türh., Kassel 1883 S.26;Eberhard K. Busse, Ulr.v.Türh., Pal. 121(1913), 168; und dieser Vers ist ein typischerBuchschluß, vgl. I, 57,28. II, 105,28. VI, 313,27, u. öfter im Parz., s. ob. S. 245. Der Stil ist W.nachgeahmt, aber nur unbeholfen. Kurze Zu-sätze von Schreibern oder Lesern begegnenauch sonst am Schluß von Hss. oder nahe vorsolchem, z.B. A.Heinr., Gierach S.82. 94;Iwein Hs.B, Lachmann, S.356; Ulr.v.d.Türl.Willeh., Singer S.396f. (auch hier im Zusatz
Klage u. Trost).4 Dieses ist d. verbreitetste Ansicht. Daß derTod seines Gönners, des Landgrafen (26. April1217) ihn von der Vollendung abgehaltenhabe, ist nicht zu erweisen. Das diesem ge-spendete Lob der Freigebigkeit IX, 417,22—26 (vgl. P.297, 20) klingt für einen Nachrufzu dürftig und es liegt auch gar nichts voneiner Anteilnahme des Gemütes darin, die maneinem vor kurzem Verstorbenen zollt, vgl.Helm aaO.; Singer S.7.120; Palgen, Beitr.44, 241. — W. hatte auch nicht beabsichtigt,aus freien Stücken hier einen Schluß zu machen,sonst wäre er nicht an dem V11I. B., das nureine Ausspinnung weniger Zeilen der Vorlageist, solange haften geblieben, sondern er hättedie abschließenden Ereignisse nach der franz.Vorlage erzählt. Dies hatte er offenbar einemnoch folgenden X. B. vorbehalten. Am Ab-schluß von B. VIII glaubte er, aus nicht an-gegebenen Gründen, sein Werk einstellen unddie Vollendung einem andern überlassen zusollen, wie er 402, 17—30 selbst bemerkt(Seeber S.17—25. 34; Nordewier S.53 ff.;Bernhardt, ZfdPh. 32,40. 34,548 f.; Leitz-mann, Beitr. 26,150 ff; Helm, Zf dPh.35,196 ff.);die sprachl. Technik weist auch auf einen Ein-schnitt hin (Panzer, ZfdPh. 33, 1341). Aucham Schluß des VLB. im Parz. 337, 23—30, alser die Arbeit aussetzte (Arbeitspause), über-läßt er es einem andern kunstgeübten Manne,das Gedicht fortzusetzen. Trotzdem fand ernach Abschluß des VIII. B.Wh., offenbar nacheiner gewissen Unterbrechung, wieder Zeit, umweiterzufahren Das IX. B. beginnt mfi einerAnrufung der Giburc, der heiligen Frau 403,1—10. Aber in dem B. IX selbst ist von ihr fastgar nicht dieRede (trotz 4,6 f.), in dem beabsich-