§ 42. Wolframs Stil und Metrik 269
Metrik. 1 Auf die künstlerische Formung der Verse hat Wolfram nicht be-sonders Bedacht gehabt. In der Behandlung des Reims läßt er über denvollendet höfischen Sprachgebrauch hinausgehende Freiheiten zu, indem erder Mundart mehr Raum gestattet. Also auch auf die Reimkunst hat der inihm liegende volkstümliche Zug Einfluß. Apokope des schwachen e ist ziem-lich häufig: D. Si. gast : von dem ast 522, 17; dem frewwelin : sin 370, 21;Adj.: diu liehtgemäl: Parziväl 619,9 u. ö. — Die Quantität der Vokale wird leicht |vernachlässigt: a : ä, seltener e : e, o : ö, u : u, natürlich nie i: i. Oft u:uo \vor n, auch vor r sun : tuon, kunt: stuont, hurte : ruorte, im Ausl. nu : zuo;il: iie künde : stüende; i: ie vor ht niht : lieht, pflihte : liehte, vor r dir: stier;sogar liep : sip (Sieb) 599,3, fuoz: guz 572,1. Konsonantisch ungenaue Bin-dungen: ougen : rouben 10, 25, gäben : lägen 17, 29, Razalic : wip 46, 1,selbe : velde 93, 23, Gesähen : pflägen 164, 7; porten : vor(h)ten 182, 5,ort: unervor(h)t 222, 25 sind wohl literarische Reime durch Veldekes Einfluß.
Der rührende Reim, 2 den Wolfram, bes. bei fremden Wörtern, ohne Über-treibung zuläßt, hat bei ihm keine formale Bedeutung.
Auf die Reimbindungen hat also Wolfram keine besondere Sorgfalt ver-wendet. So wiederholt sich das Reimpaar kint: sint 56mal, wip: lip 123mal;ein Lieblingsreim ist riuwe : triuwe. 3 Und so liegen ihm Reimkünsteleien fern.
Nicht zufällig ist die Vorliebe Wolframs für die stumpfen Reime, 4 dennsie machen etwa vier Fünftel aller Bindungen aus. Es scheint, daß ihm seinrhythmisches Gefühl den kräftigen stumpfen Versabschluß als Norm eingabund er von diesem zum klingenden Ausgang nur abwich, wenn er ihm durchdas sprachliche Material unwillkürlich dargeboten wurde.
Eine Gleichgültigkeit gegen die poetische Form, gegen die akustische undzugleich sinnbestimmte Bedeutung der Verseinheit ist auch das Enjambe-ment, das Wolfram weiter zuläßt als Hartmann und Gotfrid. Den Kunst-ausdruck rime samnen unde brechen kennen wir aus Parz. 337, 25.
Die Grundform des Versbaus ist Regelmäßigkeit im Wechsel von Hebungund Senkung. Von Auflösung (zweisilbige Senkung) und Zusammenziehung(beschwerte Hebung, Fehlen der Senkung), die der Freiheit des deutschenVerses eigentümlich sind, macht er zwanglos, aber mit Maß Gebrauch nachden sonst üblichen Betonungsgesetzen. Gegenüber dem Streben Hartmanns,die natürliche Sprache auch im Rhythmus zum Ausdruck gelangen zu lassen,
1 Panzer S.6. W. Grimm, Kl. Sehr. 4 Reg. S. 36;Jaenicke S.31f.; Martin II S.LXIV—LXVI.LXXIV—LXXXV; SARAN.VerslehreReg. S. 355(zuS.261 vgl. Pfannmüller, Beitr. 40,373—81); Foerster, Kinzel, Bötticher, Wimmer s.ob. S. 264 Anm.l; Moldaenke, Progr.Osterode1880, dazu Behaghel, Lbl. 1881,426 f.; Hoff-mann, Einfluß d.Reims; Zwierzina, Beobach-tungen, Kraus, D. sog. II. Büchl.,beidein Festg.f. Heinzel, Zwierzina, ZfdA. 45,19—100 (Beitr.28,442); Kraus, Metr. Untersuchungen überReinbots Georg S. 167—222; Schirokauer,
Beitr. 47,1 ff.; Plenio, Beobachtungen zu W.sLiedstrophik, Beitr.41,47-127, dazu Baesecke,Wissenschaftl. Forschungsber. S.120f.; Karg-GasterstäDT S. 8—81. Reimregister s. obenS 213• W. Grimm, Kl. Sehr. 4, 131; Zwierzina,ZfdA. 45, 289ff.; v. Kraus, ebda 56, 15—19.
3 Bock, W.s Bilder S. 52 ff.; Nolte, ZfdA.51, 115 ff.
4 Schröder, Rittermjeren x S.Xf.; Nolte,D. klingenden Reime b. Hartmann, Gotfrid u.Wolfr., ZfdA. 51,113—42.