268 DlE ERZÄHLENDE DICHTUNG
Die Eigenart von Wolframs Stil tritt auch im Wortschatz 1 hervor. Mit seinem Zug zumVolkstümlichen hängt zusammen der Gebrauch sog. unhöfischer, 2 d. i. veralteter Wörter.Er läßt die von Hartmann und Qotfrid zum Teil ganz gemiedenen, zum Teil spärlich an-gewendeten Heldenwörter zu: wigant, recke, degen, helt, eilen, verch, Adj. mcere, balt, ge-meit, stiel (= tapfer), ellenthaft, ellensrich, veige, küene, vrech, vrävel, dürkel, volkstüm-lich sind auch Wortstellungen wie der Gäwänes munt, der bruoder Liäzen, anker dieswceren ; Übergang von der direkten in die indirekte Rede. Aber daneben ist er übertriebenhöfisch mit seiner Liebhaberei für französische Fremdwörter 3 und Wendungen. Es siehtmanchmal ganz buntscheckig aus: min cläre süeze beäs ämis 613, 1, der minnecllche beäkunt 46, 17, beä curs reimt immer auf Cundwir ätnärs, kurtoys kurteys auf die Endung-ois, -eis: er was kurtoys, sin vater was ein Franzoys 46, 21; ganze Zeilen bestehend auseiner patronymischen Bezeichnung: fil li roy Gandin (= Gahmuret). Manchmal hat er franz.Wörter übersetzt: beä curs, der natne ist Huschen sdicener lip 187, 22.
Wolfram ist reich an Beiwörtern, 4 aber sie wirken im allgemeinen nicht kräftig zurCharakterisierung mit. Durch sein Beispiel hat er zur Verbreitung einiger Adjektiva beige-tragen : wert, dar, auch gehiure, kluoc (Steinmeyer, Prorektoratsrede, Erlangen 1889; Zwier-zina, ZfdA. 45, 342 f.).
Originell ist W. auch in der Verwendung seltener Wörter und in Neubildungen; Ableitungenauf -rieh: slözlich Tit. 1,101, wolkenllch Wh. 53, 7, hälscharlich P. 292, 4, vindenächiu flust19,547, selpschouwet 148,23, sin höchvart-swindens tac 197,16, Parz dervalscheitswant296, 1.
Die Wortwiederholung 5 ergibt sich meist logisch aus dem Inhalt bei nachdrucksvollerBetonung eines Begriffs: minne in den Betrachtungen über ihr Wesen oder in Minnege-sprächen 365, 1. 532, 4—534, 10 und 510, 9, Qottesminne 456, 16. 466, 1, als rhetorischerSchmuck in Liebesbriefen76, 23—77,18.715,1— 30 (hier auch gräezen, tröst); gedanc 466,15;helfe der einzige Rettungsgedanke in P.s verzweifelndem Gemüt 451, 13. 461, 23—462, 17,in Gawans Bittgebet 568, 1.
Der zierlich prunkvolle Schmuck des Wortspiels war weniger im Geiste von Wolframseckiger Schwere als von Gotfrids einschmeichelnder Virtuosität.
Auch jene Eigenschaft Wolframs, die ihn so frisch und lebensnah erscheinen läßt, seinHumor, 6 hat einen überaus befruchtenden Einfluß auf seine Ausdrucksweise. Aus ihm ent-springt ein großer Teil seiner Bilder und Umschreibungen. Des Außergewöhnlichen seinesironischen Tones ist er sich wohl bewußt, er selbst nennt eine solche Behandlung ernsterDinge einen Unfug: Wes spotte ich der getriwen diet? min alt unfuoge mir daz riet 487f.So taucht neben dem Erhabenen auch oft unvermittelt ein Stück Kleinleben auf und indiesem Gegensatz zwischen dem hohen Ideal und der bedeutungslosen Wirklichkeit äußertsich das Wesen seiner humoristischen Weltbetrachtung.
1 BadstüBER, Die nomina agentis auf jere:Innsbr. Diss. 1901; Alice Vorkampff-Laue,Zum Leben u. Vergehen einiger mhd. Wörter.1906; Kupferschmid, Wortschatz der BernerParz.hs.
2 Unhöfische Wörter: W.Grimm, Kl. Sehr. 3,521.524;O.JAENlCKE,DedicendiusuW.deE.,Hall. Diss. 1860; Pfeiffer, Freie Forsch. aaO.;Zwierzina, Festg. f. Heinzel S.445 ff. u. ö.; Pan-zer, ZfdPh.33,127 ff., Das ad.Volksepos S. 16 ff.;Zwierzina, ZfdA. 44,84 (unhöf. balt.) ; Nolte,Anz. 25, 298ff.; P. Abel, Veraltende Bestand-teile d. mhd. Wortschatzes, Erl. Diss. 1902.
3 Steiner, Bartschs Germ. Stud. 2,245—50;Leo Wiener, French Words in W. v. E., Amer.Journ. of Phil. 16,1326ff.; Suolahti, Der frz.Einfluß auf d. dt. Sprache im 13. Jh., Helsinki1910; Frantzen, Het Fransch van W. v. E.,Rede, 8. Nederl. Philol.-congres, Leiden 1916,
109ff.; Singer, Stil pass.; Palgen, Beitr.46,309 ff.; Karg-Gasterstädt S. 85 ff. 135 ff.;Fremdwortlit. s. oben S.29 Anm.l.
4 Burdach, Reinm. S. 49 Anm.; Guido C.L. Riemer, Die Adjektiva bei W. v. E., Leipz.Diss.1906; J. G. Bohner, Das Beiwort des Men-schen usw.,Heidelbg.Diss. 1909; H. Zell, Ad-jektiv bei W. v. E. usw., Straßbg. Diss. 1909;ERiCHWoLFF.D.zusammengesetzten Adjektivau. Adverbia bei W. v. E., Greifsw. Diss. 1913.
5 Behaghel, Beitr. 30,432—564; Ehrismann,Stud. üb. R. v. Ems S. 69ff.; Herb. Bellmer,Die Wortwiederholungen in d. Werken W.s v.E., Greifsw. Diss. 1923, Maschinendr.
6 K Kant, Scherzu.Humor in W.sv.E.Dich-tungen, Heilbr.l878,dazuSTEiNMEYER,Anz.7,63 ff.; Chr. Stark, Die Darstellungsmittel desWolframschen Humors, Rost. Diss. 1879, dazuSteinmeyer aaO.; Borchling J. Tit. S. 166ff.