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266 Die erzählende Dichtung
oder Zweigliedrigkeit der Distinktionen bestimmen nicht so stark wie z. B,bei Gotfrid den Bau des Wortmaterials. Die sprachliche Willkür entsprichtWolframs Denken: es ist unsystematisch, ungeschult in Rhetorik und Dia-lektik. Der Satzbau ist im ganzen einfach und recht frei, oft gibt Wolframseine Gedanken ungefähr in der Fassung, wie sie in ihm auftauchen, ohnesie grammatisch und logisch genau zu formen, daher die mancherlei Ana-koluthien, elliptischen Sätze, Parenthesen, 'Ano xoivov. Solche Satz-bildungen tragen oft zur Schwerverständlichkeit bei, zu der „Dunkelheit".Noch mehr ist dies der Fall bei „Kürzungen" oder „Zusammen Ziehungen",wo der Gedankengehalt in wenigen Sprachstoff gepreßt ist, z. B. er bradidurch blates stimme en zwlc 120,13 „um mit dem Blatte eine Stimme hervor-zubringen"; Anfortas vor siecheit zu 815,11 „vor der Zeit seines Siechtums".
Wolfram hat sich für seine stilistische Technik ein eigenes Formensystem gebildet, Aus-drucksmittel, die sich leicht anwenden ließen zur sprachlichen Fassung häufig eintretenderGedankenformationen und die auch bequem zur Reimbindung waren. Er hat dabei auch gernMotive benutzt, die ihm schon durch die frühere und auch volkstümliche Dichtung ge-boten waren.
Die einfachste Art solcher typischer Kunstmittel ist die bloße Umschreibung, die demGehalt nur scheinbar eine größere Fülle gibt, tatsächlich aber, meistens wenigstens, nurformale Bedeutung hat. So die sehr beliebte Dehnung eines Begriffs in Substantiv mit Genitiv,wobei das grammatische Grundwort begrifflich eigentlich überflüssig ist, höchstens nur eineleise Schattierung gibt. Es sind bequeme Reimwörter: zil (: vil, wil), z. B. jämers zilder äußerste Schmerz 318, 29, ähnl. 159, 6. 519, 8 u. a.; site siten (: mite [gejriten) : mitfreude siten 615, 21 = froh; kraft (^.schaft): mit zornes kraft 470, 20; kür(:für): nachzühtekür 84, 19 mit Anstand; vllz (günstiges Reimwort zu Fremdnamen auf 4z): ir höch-verte vliz 353, 20 ihren Übermut; nach zühte lere 88, 23; trürens urhap, freuden twinc 314,
112; der unstete geselle 1, 10 der Geselle der Unsläte = der Unstäte selbst; wandeis Ur-kunde 14, 2.
Umschreibung der Person durch einen Körperteil oder eine Eigenschaft (schon biblisch):min llp — ich, aldä begreif des knappen hant 123, 25, Gramoflanzes ougen si erkanten TIA,24, nach der sin herze weinet 633, 14.
Abgeblaßt ist auch die Bedeutung in den Adjektiven, die verneinenden Sinn haben undzur Umschreibung von »ohne* dienen: valsches laz, valsches leere, an freuden lam; kranc,weise. Umschreibende positive Adjektiva: diu frouwejamers balt 117,7 leidengeprüft, jammer-voll, gein valsche snel, gein valscheit der trage 66, 12; wert erkant = wert.
Bei Umschreibungen des Personennamens durch eine Eigenschaft oder einen Satz mußman die Person oft aus dem Zusammenhang erraten: des site man gein prise maz 145, 3,es handelt sich um Parz.; Diu magtuomllche minne im gap 805, 1 = Sigune gab.
Umschreibungen des Verbums bes. durch beginnen, kunnen; leren, raten, erkant, kunttuon (werden) u. dgl. bedeuten im allgemeinen: veranlassen, verursachen: groz milede undsläf in lerte 166, 17. — Ganz gewöhnlich in der vor Wolfr. liegenden Dichtung des 12. Jh.sist die negative Satzumschreibung durch ein verneintes Verbum verneinenden Inhalts: läzen,vermiden, vergezzen, verdriezen (Antiphasis): diu känegin dö niht enliez sine spräche 405,4;häufig auch einfache Verneinung solcher Verba ohne Nebensatz: ein tjost im sterbenniht erlouc 27,30. Eindringliche Verneinung durch Zusetzen des Gegensatzes: den jungenniht den alten 43, 14; diu wise niht diu tumbe 779, 7; al weinde sunder lachen 137, 20.
TMit den „Formeln" hat W. ein beliebtes Stilmittcl der volkstümlichen und Spielmanns-poesie und der Predigt sich angeeignet, sie eignen sich leicht zu Flickversen oder Reim-behelfen: Quellenberufungen (zugleich Beteuerung für die Wahrheit des Erzählten): man