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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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§ 42. Wolframs Stil und Metrik 265

genannt, und wurde von provenzalischen, dann auch von französischen Dich-tern nachgeahmt. Das provenzalische trobar eins, dasverschlosseneDichten",der dunkle Stil, geht aus dem künstlerischen Prinzip hervor, daß Dichten einewirkliche Kunst, eine xi%wi, eine ars, eine Wissenschaft 1 sei, die nur den Ein-geweihten den wisen zugänglich sein soll. Darum ist die kennzeich-nende Eigenschaft dieser Manier das Anderssein, das Außergewöhnliche, Selt-same, darum schwer Verständliche, und sie kann nach zwei Richtungen hinübertrieben werden: der Ausdruck wird geschraubt, verschnörkelt, wird zulächerlicher Erhabenheit, zum Schwulst und Bombast, oder er wird geziertund verliert sich in Wortgeklingel und nichtige Spielerei. Dort Barock, hierRokoko. 8 Wolframs .dunkle' Sprache steht also innerhalb eines historischbedingten Formprinzips. Allerdings hat er gewiß auch aus Ungeschick oderim raschen Hinwerfen der Sätze manches unklar ausgedrückt; Grundsatz undZufall treffen dann für die Formgebung zusammen. 3

Rudolf v. Ems hat im 2. Buch seines Alexander die Formtendenz der großenEpiker treffend gekennzeichnet (abgedruckt bei Junk, Beitr.29, 423 f.; Ehris-mann, Stud. S. 33 ff.). Hartmanns und Gotfrids Ausdruck ist eben, sieht schlicht,einfach, siieze lieblich, anmutig, wobei Gotfrids reich geschmückte Schön-heit noch besonders gepriesen {speehe, weehe kunstvoll, geschmückt), aberauch als wilde ungewöhnlich, bezeichnet wird. Wolframs Art dagegen iststarc kräftig, wilde, speehe, mit vremden Sprüchen weehe kunstvoll geschmücktmit fremdartigen, auffallenden, seltsamen Redeweisen; in manege wts gebogen;(vgl. Wh. 237, 11 min tiutsch ist etswä doch so krump), im Gegensatz zueben und sieht = ausgeschweift, verschnörkelt, schwerverständlich. Hart-manns Stil ist gemäßigt, Wolfram und Gotfrid vertreten zwei Richtungen deserhabenen Stils, die pathetische und die zierliche (s. oben Hartmanns Stil),sind aber unterschieden im Grundgesetz von Dunkelheit und Klarheit.

Die Darstellung von Wolframs Stil hat die charakteristischen Eigenheitenzu beobachten, die zusammenwirken, um ihm das ungewöhnliche Geprägezu verleihen. Schon das architektonische Bild macht den Eindruck desUnregelmäßigen. Die Gliederungsverhältnisse 4 der Wortgruppen sind ungleich-mäßig, die symmetrischen Ordnungen des Parallelismus und der Antithese

1 Burdach, Reinmar S. 3033. 13638;Roethe, Reinm. v. Zweter S. 186 ff.

2 Die stilistische Geschmacksrichtung, die inder Absonderlichkeit besteht, geht durch dieJahrhunderte und taucht bald stärker, baldschwächer, immer wieder auf: der spanischeQongorismus u. der italienische Marinismus,das frz. Preziösentum u. der englische Euphuis-mus, der deutscheLohensteinscheSchwulst",der moderne Expressionismus, in Perioden,die kein eigenes, sicheres Formgefühl haben.In der Dichtung des späteren 13. Jh.s u. dannweiter kam es zu der geblümten Rede(Beitr. 22,313ff.; Mordhorst, Egen v. Bam-berg), deren hohler Schwulst u. abgeschmackte

Künstelei eine Folge der Nachahmung Wolf-rams u. Gotfrids sind.

3 Singer hat in seiner bewundernswürdigreichhaltigen Abhandlung üb. W.s Stil Wolf-rams Selbständigkeit aufs äußerste einge-schränkt, wonach er mit dem deutschen Stil,ebenso wie mit dem Stoff, ganz von Kyot ab-hängig wäre. Zu einer solchen radikalen Aus-löschung von Wolframs eigener Persönlichkeits.Vogt, Mhd. LG. I 3 , 314f. u. oben über dieKyotfrage.

4 Ueb. die Redeteile: Schwartzkopff, Redeu. Redeszene, Pal. 74; über die seltene Sticho-mythie: W. Grimm, Kl. Sehr. 3,246; Singer,Stil S. 20.