§ 41. Der ethische und religiöse Gehalt. Die Charaktere 263
Keie hat seine alte Art, nur Urjans ist ein ganzer Schandbube. In Gramo-flanz ist die Übertreibung des Heldentums abgeführt, höfisch ist er doch undläßt einen nach den Regeln der Rhetorik stilisierten Liebesbrief schreiben715, 1—30.
Die nur auf Kraft und höfische Zucht gestellten Helden vermögen wohlstoffliches Interesse zu erwecken, aber sie tragen nur selten eine so tiefpoetische Wärme in sich wie Parzival und Trevrizent. Auch die Frauen-charaktere 1 sind auf diese zwiefache Atmosphäre abgestimmt. Die umParzival haben ein zarteres Seelenleben, ihr Los ist Entsagen, die Damenum Gawan stammen aus der höfischen Welt lebenwollenden Genießens.Um Treue leiden, das ist das Schicksal der Herzeloyde, die aus Trauerüber den Tod ihres Gatten auf ihre königlichen Ehren verzichtet und inArmut auf einem abgelegenen Bauernhofe ihre Witwenjahre verbringt, bisihr der Abschied des Sohnes das Herz bricht. Sie ist ein menschlichesAbbild der schmerzensreichen Mutter Jesu 113, 17—26, auch sie ahnt, wieMaria, daß ihr Sohn in der Welt geroufet unt geslagen werden wird 126, 28.Aber die Torenkleider, 2 die sie ihm anzieht, schützen ihn so wenig vorden Fallstricken der Welt wie die Rüstung, die der klügere Abt dem Gre-gorys reicht. Narr oder Ritter, jeder hat seinen Dämon: „so mußt du sein,dir kannst du nicht entfliehen". — Aus Treue leidet Sigune, 3 als Büßerinfür ihre irdische Minne lebt sie allein noch der himmlischen Liebe, wieeine Legendenheilige, die ihren Weltsinn sühnt durch strenge Askese. Sieist ein weibliches Gegenstück zu Trevrizent, auch darin, daß sie wie dieserParzival über den Gral belehrt. Jeschute ist die treu duldende Frau, diedie rohe Behandlung des Gatten demutsvoll trägt, nur um des trotzdemGeliebten Heil besorgt; ihr Nebenbild hat sie in der Enite des Erec. Alle \drei tragen sie die heiligen Züge der Hoheit in der Erniedrigung. Eintragisches Geschick ist auch Belakanen 4 beschieden, das der verlassenenGeliebten. Das schönste Los aber ist Condwiramurs geworden, die inTreue des rückkehrenden Gatten harrt und dessen rettender Stern sie inder Nacht seines Zweifels bleibt. Treue um Treue.
Auf und ab wogt die Stimmung in dem Gedichte mit den Wandlungender Schicksale, die die Menschen ertragen müssen. Wolfram selbst hat vonvornherein auf die seelischen Untergründe vorbereitet: „Nun höret dieserAventiure Weise, diu lät iu wizzen beide von liebe und von leide: zwischenFreud' und Sorge ist sie geteilt" 3, 28 ff. Das ist das Los der Menschheit: hiutefreude, morgen leit 103, 23 f. Die offizielle Gesellschaftsstimmung freilich
1 Simrock 2, 511 ff.; Kinzel, ZfdPh. 21, 48—73 u. ZfdA. 30,357—65 (Antikonie); B. Qu.Morgan, Some wotnen in Parz., Journ. ofEngl, and Germ. Phil. 12 (1913), 175-98 (Ver-gleich zw. Wolfr. u. Chrest.).
2 Die 2 Reimpaare 126, 26—29 sind unnach-ahmlich schön in Gehalt: die sorgende Mutterin ihrer rührenden Hilflosigkeit; in dem aku-
stischen, impressionistischen Klang der Vokal-melodik und in demstilistischen Bau mit demplötzlichen Einsatz des Hauptbegriffes V. 26.
3 Eine Baumheilige: Schwietering, ZfdA.57, 140-43.
4 Schwietering, ZfdA. 61, 65 ff. (Belakaneu. Dido).