262 Die erzählende Dichtung
Die Weltkinder tragen die Züge Gawans, doch jeder in einer andern Ab-artung. Gurnemanz ist „houbetman der wären zuhf, ein „weiser Meisterwahrer Zucht, seine Sitte war ohn allen Tadel" 162, 23f. Gahmuret 1 wirdals Vater Parzivals, dessen männliche Eigenschaften der Sohn erbt, hochgepriesen als ein Muster ritterlicher Trefflichkeit 108, 3—28. 750, 15—751,30. 771, 1—5, seine mannhafte Treue gibt ihm im Himmel lichten Glanzund auch seine reuige Beichte, an ihm war keine Unechtheit 107, 25—8.Aber seine Taten stimmen nicht überein mit dieser stilisierten Veredlung.Bei all seinen Siegen ist er ein Charakterschwächling. Im Grunde ist er einAbenteurer und wird angestaunt als Sieger nicht nur über eisengepanzerteMänner, sondern auch über verliebte Damenherzen. Schianatulanderscheitert an der Überspanntheit der rein weltlich-gesellschaftlichen Modedes Minnedienstes. Mit besonderer Sympathie verweilt der Dichter beiFeirefiz, dem schwarz-weißen Sohn. Schon der Fernschein des Morgen-landes, der an diesem seltsamen Menschenwunder (317, 9 f. 328, 15—7)haftet, sein ungeheurer Reichtum, der ihm vorangehende Ruhm (316, 30—317,10.328,1—30) machen ihn „interessant". Damit hat dieses Weltkind,dessen Lebensinhalt in echter Ritterweise durch Minne und Ruhmsuchtausgefüllt ist (736, 1 ff.), dieser Frauenritter und Liebling der Weiber, dasMusterbild eines „edeln Heiden", 2 noch einen Reiz der Anziehung vorGawan voraus und seine Taten, nicht die Gawans, bilden das abschließendeNachspiel zu der zu neuem Leben erweckten Gralsburg. Auch er gelangtzu höchstem ritterlichen Ziel, zur Aufnahme in die Gralsgemeinde, und da-mit zu der geistigen Vervollkommnung in der Einheit von Welt und Gott.Aber die dichterische Kraft war nicht stark genug, dieses Gnadenrätsel zuenthüllen. Die magische Weihe des Taufsakraments mit der symbolischenBedeutung der Aufnahme in die Kirche vollbringt an sich und ohne sittlichesZutun des Menschen das Wunder. Aus Verliebtheit läßt sich der Frauendiener(328, 30. 727, 27 ff. 753, 26 ff. 771, 15 ff.) taufen, seine eigentlich verdienst-lichen Taten im Gedichte sind doch nur seine edle Gesinnung und die Tapfer-keitsproben, er ist der echte Sohn Gahmurets und trotz Anfortas hat er denGral eben „erstritten" 814,22—815,10. Nichts wird von einer geistigen Wand-lung gesagt, nichts von einer inneren Wiedergeburt im Glauben.
Die übrigen Ritterfiguren sind im Artusstil gehalten, nach ihren hervor-gehobenen Eigenschaften gehören sie besonderen Typengruppen an. Itherz. B. ist höfisch herausgestrichen, Orilus handelt unhöfisch an seiner Gattin,Kingrun ist der übliche Gefolgsmann, Kingrimursel desgleichen in schärfererTonart, der Draufgänger im Gegensatz zu dem feigen Liddamus; wiederanders gefärbt ist Lyppaut, der getreue Vassall, dem der Seelenkonflikt auf-erlegt ist, gegen seinen Herrn kämpfen zu müssen (Singer, Stil S. 102 f.).
1 Nolte, Anz. 25, 295 ff.; Margaret F. I on thestoryofGawaininChrestienandWolfr.,
Richey, Gahm. Anschevin; Schwietering, Journ. of Engl, and Germ. Phil.24Nr.4(1925).
ZfdA 61,72ff.u.Sievers-Festschr.l925S.581f. j 2 H.Naumann, Ehrismann-FestschriftS.90f.— Gawan: Edmund Kurt Heller, Studies