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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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§ 41. Der ethische und religiöse Gehalt. Die Charaktere 261

liehen: ich pin trürens unerlöst, und von dem schönsten Fest am Artus-hof stiehlt sich der freudenflüchtige Mann weg am grauenden Morgen: gotgebe freude al disen schäm, ich wil Hz disen freuden varn 733, 16 ff.

Die höfische Artusgesellschaft kennt nicht dieses Sehnen und diesehimmlischeTraurigkeit", die tristitia coelestis, sie ist erdgebunden. Gawan,ihr edelstes Mitglied, leidet nicht um sein Seelenheil, sondern um Minne-nöte; sie hat nur Lebenswillen, keine Weltanschauung, sie kennt nur diesseitigeLebenswerte, Ruhm und Minne, nicht Drang zum Ewigen; sie befolgt gläubig,ohne in Zweifel zu verfallen, die Vorschriften der Kirche, aber sie hat keinreligiöses Bedürfnis, noch weniger ein Sorgen um Erlösung.

Gawan kommt auf seiner Wanderung nach dem Gral zu schönen Frauen,Parzival zu weisen Männern; jener ist der erfahrene Weiberkenner, dergleich auf sein Ziel lossteuert, dieser weiß in naiver Unschuld nicht, waser mit der Ehe anfangen soll. Gawan kommt nur zum Wunderschloß desZauberers, dessen Reich man durch Bestehen von Teufelsspuk gewinnt,und befreit die Frauen der Artusfamilie, Parzival gelangt nach Munsalvaesche,die nur ein Auserwählter finden kann, und erlöst den kranken König desHeilsgefäßes. Aber Gawan ist nicht sittlich minderwertiger als Parzival,sondern nur anders zu werten. Er hat die vollkommene Welttüchtigkeit inTapferkeit und Frauen Verehrung, er besitzt die edle Sitte: seine erste Sorge,als er aus schwerer Ohnmacht erwacht, ist, daß die Hoffräulein ihn sus un-gezogenliche Ugen fanden 576, 23; und er ist fromm und verrichtet in lebens-gefährlicher Bedrängnis sein Gebet um Gottes Hilfe 568, 1 14. Er ist nie inZweifel geraten und hat keine seelischen Konflikte durchzumachen, sein Zielist nicht das Parzivals, die Erhöhung der innern Persönlichkeit, sondern dieErringung von Ansehen und Geltung bei den Menschen, und sein sittlicherGesichtskreis beschränkt sich auf Erfüllung der Standespflichten der Ritterehre.

Der ethische Gegensatz zwischen weltlichem und geistlichem Rittertumscheidet die Personen in Weltkinder und Gotteskinder. In Parzivals Leidens-gang und Siegesverklärung verwirklicht sich der Aufstieg von der niedererenzur höheren Stufe. Im Templeisenstaat ist er mit den ritterständigen Gottes-kindern vereinigt. Einen andern Weg zur Vollendung hat Trevrizent ein-geschlagen. Einst zog er gegen das Gebot des Grals im Minnedienst aufAbenteuer aus: swer Schildes ambet Heben wil, der muoz durchstrichenlande vil 499, 9. Aber er hat sich ganz von der Welt, ja selbst von derGemeinschaft des Grals losgelöst und die Gott nächste Stufe der Heiligungerlangt: Parzival steht noch in dem aktiven Leben hilfreichen Liebeswerkes,der Einsiedler lebt der Askese, ganz der Kontemplation hingegeben. Aberweil er die ritterfreudige Gesinnung aus eigenem Erleben kennt, so ist erauch für Parzival der verständnisvollste Ratgeber, aber doch nur der Weg-bereiter für Parzival, dem die höchste Aufgabe anvertraut ist, den irdischenGottesstaat zu leiten. So stellt sich der ritterliche Dichter die sittlicheWertabstufung vor, in seiner humanistischen Lebensauffassung.