§ 41. Der ethische und religiöse Gehalt. Die Charaktere 259
fung, und geläutert ist er würdig, den Gral zu erlangen. Die Läuterung istbeendet, jubelnd verkündet ihm die ihn einst fluchend aus dem Kreis derEdeln gestoßen, Cundrie, seine Erhöhung zum Gralsherrn und mahnt ihnzum Inhalt seines künftigen Daseins: na wis kiusche unt da bi vrö 781, 12,Freudigkeit in reinem, entsagungsbereitem Herzen wird jetzt seine seligePflicht sein, die laetitia coelestis, die Freude in Gott. Und in kurzen Wortenzieht sie das Gesamtergebnis seines Strebens: Dein junges Leben stand inSorgen, da nahte der Freude froher Morgen. Du hast der Seele Ruhe er-stritten, um des Leibes Freude viel Leid erlitten 782, 27—30. Die Ruhe inder Ewigkeit, das ist das Ziel der ruhelos ringenden Menschenseele 499,27—30. So entfaltet sich das sittliche Lebensbild des Helden in seinenTaten und Gesinnungen von der naturhaften Kindheit bis zur Vollendungder geistigen Persönlichkeit und der Grundgedanke dieses inneren Werdensist die vom Irrtum zur Wahrheit, von der Verworrenheit zur Klarheit, vomUnbewußten zum Bewußten, von der Natur zum Geist sich durchringendenSeele.
Parzivals Lebensgang ist ein Erziehungsroman. Er wird durchs Lebenerzogen. In seiner Umwelt findet der weltunerfahrene Tor seine ersten Lehr-meister. Das Wohlgemeinteste, wenn auch nicht das Klügste, gibt ihm dieMutter mit auf den Weg. In den ersten Tagen seiner Ausreise wird er indie Rittersitte eingeführt, der glänzende Ritter Karnahkarnanz und der kleineKnappe Iwanet sind Vorläufer des Gurnemanz für P.s Ausbildung im Waffen-handwerk, bei den Herrschaften am Artushofe sieht er höfische Umgangs-formen, Sigune gibt ihm die erste Kunde vom Gral, alle helfen in ihrerArt an seiner Erziehung, Gurnemanz bildet aus dem Knaben den Mannim Sinne der Welt, Trevrizent leitet ihn aus dem Welterleben empor zumreligiösen Erlebnis. Mit psychologischer Folgerichtigkeit verläuft diesegeistige Bildungsgeschichte und sie hat ihren natürlichen Boden in denGrundbedingungen der menschlichen Geistesformung, denn diese erziehendeLebensgestaltung wird getragen und ermöglicht durch die angeboreneNatur. Die erworbenen Eigenschaften stehen in Wechselwirkung mit denererbten: geprägte Form, die lebend sich entwickelt.
In der Geschichte Parzivals erfüllt sich symbolisch das Erlösungsdramader Menschheit in seinen drei Akten: aus der Einfalt der Kinderwelt, ausdem Kindheitsparadies der Einheit mit Gott wird der Mensch, durch denSündenfall Gott entfremdet, in die Wogen der Welt hinausgestoßen, ausdem Kampf seiner Doppelnatur von Fleisch und Geist kehrt er geläutertzur Einheit mit Gott zurück.• In dem ritterlichen Idealstaat des Grals ist die ethische Idee des Ritter-tums verkörpert, Weltstaat und Gottesstaat, das Menschliche und das Gött-liche, das Humanum und das Divinum sind vereinigt. Das ist WolframsHumanismus und ist in die Schlußworte des Gedichtes zusammengefaßt:Wes Leben sich so endet, daß er Gott nicht entwendet die Seele durch
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