§ 41. Der ethische und religiöse Gehalt. Die Charaktere 257
sehen Vergleich: es gibt in sittlicher Richtung drei Menschenarten, guteund schlechte und gemischte, bzw. weiße und schwarze und elsterfarbene, beidenen weiß und schwarz gepaart ist. Wolfram bestimmt sie nach der Moral-lehre seiner Zeit, danach sind die steeten die sittlich gefestigten Menschen,die unsteeten die Charakterlosen, sittlich Verdorbenen, zugleich sind jenedie Gotteskinder, die die Farbe des hellen Tages tragen, diese die Kinderdes Teufels und schwarz wie die Hölle; der weiß-schwarz Gemischte hatan beiden teil, am Himmel und an der Hölle. Damit ist das Bild in reli-giösem Sinne gefaßt, und die dritte Art, die Gemischten, sind die Zweifler, 1sie sind nicht rettungslos der Hölle verfallen: wer auch im Zweifel unver-zagten Mannesmut bewahrt, trägt noch eine Zier an sich und ist nichtganz verunstaltet. Der unverzagte Mannesmut aber ist die erste Tugenddes Ritters und damit ist diese Morallehre im engeren Sinn auf den Ritterbezogen und der Held der Dichtung, Parzival, ist ein Beispielsfall für denZweifler, der auch in dem Glaubenszwiespalt mit Gott den unverzagtenMannesmut behält. 2
Die steete ist die Grundbedingung des sittlichen Charakters, die dem In-dividuum dauernd eigene Naturanlage, Beständigkeit ist treues Festhalten,wie die Treue selbst, aber die mhd. triuwe hat einen weiteren Sinn, esist die Selbstlosigkeit, die Hingabe an das Wohl der andern, der Altruismusin umfassender Bedeutung. Die triuwe* ist das Band der natürlichenHerzensgemeinschaft zwischen Gatten, Eltern und Kindern, Verwandten,zwischen den Pflichtgenossen im Beruf, sie ist der Inbegriff des höchstenchristlichen Gebots, der Gottes- und Nächstenliebe, der Charitas. Das aberist die unergründlich tiefe Bedeutung von Wolframs Werk, daß es ein Liedvon grözen trluwen ist, 4, 9.
Die drei Lehren bedeuten drei Marksteine in der sittlichen Lebens-geschichte Parzivals. Die Mutter lehrt den Knaben den naiven Gottesglauben,den dem kindlichen Gemüte verständlichen Kindergott: er ist noch hellerals der Tag, der Hölle Wirt aber ist schwarz, ihn fliehe, und auch denZweifel. Es ist die erste Stufe in der sittlichen Entwicklung des Helden.Durch Gurnemanz wird der Jüngling zum Weltmann gebildet, er eröffnetihm die Tugenden des Honestum, er will ihn zum Fürsten erziehen und
Basler Phil.-Vers. 1907, 512 ff.; Ehrismann,ZfdA.49, 405 ff.; H. Fischer, ebda 50, 148;Leitzmann, Anz.33, 122 f.; Siebs, Beitr.37,165—68; Burdach, Faust u. Moses, Berl. Ak.1912,635; Günther Müller, Dt. Vierteljahrs-schr. 2, 691 f.
1 Auch Hartmann hat im Prolog zum Gre-gorius das religiös-sittliche Problem des Zwei-fels vorausgeschickt und scheidet unter denvom Teufel auf den Weg zur Hölle Verführtendiejenigen, die sich durch Buße zu Gott be-kehren und Gotteskinder werden — das sind
gesprochene Analogie mit dem Gregorius be-weist, daß im Parz. der religiöse Zweifelgemeint ist.
2 Ein anderes Beispiel für die Halben, Un-entschiedenen sind die „neutralen Engel".—Der schwarze Charaktertypus kommt bei demethischen Optimismus des Artusromanstils indem Gedicht nicht vor (Schlechte treten nurvorübergehend auf: der Frauenräuber Melja-kanz 343, 24 f.; der Frauenschänder Urjans524,19—528,30; mehr komisch der feige Lid-damus416,17 ff.).
die Zweifler — von jenen, die ganz an Gott i s Bötticher, Parz.-Uebertr.S. 63—74; ZfdA.verzweifeln (s. ob. S.19H.). Auch diese aus- j 49, 412. 422. 428 ff. 442; s. oben Arm. Heinr.
Deutsche Literaturgeschichte III 17