§ 40. Die Entstehung des Stoffes 251
Nr. 36. 57. 62. 63. 64. 97. 106.i Der Treffpunkt der Gralgeschichte, daslebenspendende Gefäß, ist zugleich auch das Glücksziel in den MärchenVom Tischleindeckdich (Nr. 36), Das Wasser des Lebens (Nr. 97), Der gol-dene Vogel (Nr. 57). Das der Parzivalsage unmittelbar zugrunde liegendeDümmlingsmärchen wird seine Heimat bei den Briten haben, da ja dieHelden der höfischen Romane dem britisch-bretonischen Sagenkreise an-gehören. 2
Belebt wird das ganze Märchenbild von dem wildwachsenen Toren durchaufeinanderfolgende Einzelmotive: die Lehren der Mutter, Andeutung derFamilienrache (Lähelin); die lachende Jungfrau und der redende Tor; be-gegnende, Weg weisende oder die Verhältnisse aufklärende Personen: Sigune,der Fischer; drei Blutstropfen im Schnee. Zum Märchenstil gehört es, daßdie Personen bei Chrest. oft keinen Eigennamen haben: Herzeloyde ist laveuve dame, Ither — li Vermauz Chevaliers, der rote Ritter, Sigune — lapucele, dameisele, Anfortas — li rois pescheor, Trevrizent — Termite.
Die Urgestalt der Parzival-Gralsage ist also eine Verschmelzung des Dümm-lingsmärchens in der charakteristischen Form des Wunschgefäßmotivs (Tisch-leindeckdichmotiv) mit der Grallegende auf dem Wege analogischer Ver-knüpfung: der verzauberten Schloßgesellschaft glich die Gralgemeinde, demgespenstischen Aufzug der Schloßbewohner entsprach die Gralprozession,dem verzauberten Schloßherrn der König des Grals, seine Verzauberung alszu märchenhaft phantastisch wurde in eine Krankheit rationalisiert, der Glücks-gegenstand wurde ersetzt durch den Gral, das Wunschding wurde zur Re-liquie, der sein Glück machende Dümmling zum Gralfinder.
Das Wort Gral, 3 afrz. graal, Nom. graalz, graaux, prov. grazal, ist einAppellativum und lebt noch heute in südfranz. Mundarten. Es bezeichnetein Tafelgeschirr, eine Schüssel. Der Mönch Helinandus (aus der DiözeseBeauvais in Nordfrankreich) gibt in seiner um 1200 verfaßten Chronik eineEtymologie und Bedeutungserklärung des Wortes „Gradalis sive Gradale":es wird in Frankreich für eine weite und ziemlich tiefe Schüssel gebraucht,in der kostbare Speisen auf den Tisch der Reichen stufenweise, gradatim,Stück für Stück in verschiedener Anordnung vorgesetzt werden und sie wird
1 Zur Verbreitung der betr. Nummern s.
BOLTE-POLiVKA.
2 In mehreren Artusromanen wächst der Heldin Abgeschiedenheit auf, so Lanzelet.Wigalois,Wigamur (Heinzel, Kl. Sehr. S.73ff.; HertzS. 438 ff.; Naumann, Prim. Gemeinschafts-kultur S. 66 ff. 80 f.); in niederer Dienstbar-keit: Rennewart (vgl. Siegfried beim Schmied).Auch der irische Nationalheld Cuchulinnkommt als Junge von seiner Mutter weg anden Hof seines Oheims, des Königs Concho-bar, wo er sich durch seine Kraft hervortut.Unmittelbare Wandlung der Cuchulinnsage indie Parz.-Sage, also aus dem Irischen ins Bri-tische, ist bei der allgemeinen Verbreitung
solcher Märchenzüge zweifelhaft. Aber wohlnicht auf bloßem Zufall beruhen die Überein-stimmungen zwischen der Sage vom irischenKönig Cormac in der Visio Tnugdali (s. Bd. II,162—65) u. Anfortas, s. Beitr. 30, 48 f.
8 Haupt bei Beiger aaO.; Zarncke S. 308;Birch-Hirschf. S. 33 ff.; Heinzel, Gralrom.S. 6 f.; Hertz S. 419 f.; Wechssler S. 10.114; Foerster, Wörterb. S. 174*; Bruce 1,253 ff.; Golther, Gralb. S. 7 f. 64f. — Vongr. xQaxrjQ abgeleitet s. Singer, Stil S. 83 ff.,neuerdings Zimmermann. Bei Chr. hat dasWort schon auch die individuelle Bedeutungeines Eigennamens.