Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
Entstehung
Seite
249
Einzelbild herunterladen
 

§ 40. Die Entstehung des Stoffes 249

romanliteratur vom Gral an. 1 Zunächst wurde sein in Prosa aufgelöstesGedicht zu einem Zyklus erweitert, Joseph Merlin Perceval Artus'Tod. In vielen Hss. seit ca. 1270 ist die sog. Vulgata der Gralromane über-liefert, enthaltend die Estoire del Saint Graal (oder Grand St. Graal), Merlin(Prosaauflösung von Roberts Merlin), Lancelot, La queste (die Suche) delSaint Graal (hier ist Galaad, der Sohn Lancelots, Gralfinder), Mort Artur(Arturs Tod). Eine Sonderstellung nimmt der Prosaroman der Didot-Hs. ein(Didot-Perc, besser in einer Hs. in Modena). Noch kommt hinzu der Prosa-roman Perceval le Gallois oder Perlesvaus (dieser auf Chrestien und seinenFortsetzern fußend). Die Prosadichtungen fallen in das erste Drittel des13. Jh.s (oder später, wie die Estoire, erst um die Mitte?). Eine und die anderewurde ins Kymrische, Irische, Niederländische, Spanische, in älterer Form auchins Portugiesische übersetzt. In Roberts Gedicht zusammen mit den Prosa-romanen ist die ganze Geschichte des Gral von den Ursprüngen bis zurErwerbung durch den Gralsucher erzählt. Darin und nicht eben in dempoetischen Wert der Prosaromane liegt ihre literaturgeschichtliche Bedeutung.Zum Kunstwerk hat Chrestien die Gralsage erhoben.

Mit Chrestiens Conte del Graal und Roberts Joseph beginnt die uns er-haltene Dichtung vom Gral. Aber es muß schon vorher eine gewisse Tra-dition der Gralsage gegeben haben, wie denn auch Chr. aus einer Vorlage,le Livre, schöpfte. Robert hat den legendarischen Stoff als Legende behandelt,Chrestien hat ihn zu einem Ritterroman umgedichtet.

Der Inhalt der ritterlichen Gralsage, wie sie durch Chrestien undWolfram klassisch geworden ist, läßt sich in kurzen Zügen dahin zusammen-fassen : Das lebenspendende Gefäß, der Gral, steht auf waldgebirgumschlossenerFelsburg in der Pflege einer ritterlichen Gemeinschaft, deren Herr, derFischer-könig", an einem schweren Siechtum leidet. Nur durch einen von geistigerSittlichkeit durchdrungenen Ritter kann er erlöst werden, der im Anschauender seltsamen Vorgänge um den Gral die Frage danach tut. Der zur Er-lösung bestimmte Ritter, der, in Waldeinsamkeit weltfremd aufgewachsen,auf seinem Zug ins Leben zu der Burg gelangt, unterläßt, in törichter Be-folgung einer höfischen Anstandsregel die Frage nach der Bedeutung derrätselhaften Vorgänge, des feierlichen Umzugs mit Gral und blutender Lanze,und verscherzt dadurch die Erlösung des kranken Königs und sein eigenesGlück. Nach langem Irrsuchen gelangt er wieder zu der Burg des Gral underwirkt durch die nun getane Frage die Genesung für den König, für sichselbst aber die Nachfolge im Gralsreich.

Viel umstritten ist der Ursprung 2 der Grallegende. Vereinzelt sindkeltische Sagenzüge in die literarischen Denkmäler der Sage eingedrungen,

1 Bruce 1,365-495.2,141.13672.308379, Bibliographie 2, 40612; Golther,Gralb. S. 63109.

2 ChristlicherUrsprung: Zarncke.BiRCH-Hirschf., Heinzel, Hertz, Wechssler, Gol-

ther (der Gral eine Reliquie, so in d. Legendevon Jos. v. Arimathia); Sparnaay (vgl. Gol-ther) ; Burdach (byzantin. Messe); Schwie-tering (altchristl. Kulthandlung); Domanig,Parz.-Stud. 2, 20ff. (Bibelparadies). Kelti-