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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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Die erzählende Dichtung

Unmittelbar vergleichbare Quellen fehlen für jene Teile von Wolframs Gedicht, die überChrestiens Perceval hinausgehen, also für die beiden ersten Bücher I u. II und fürdie letzten, B. XIII vom Schluß an, XIV. XV. XVI.

Für die Vorgeschichte, B. I. u. II, bestand eine franz. Überlieferung, mit der Wolfram ineinigen wesentlichen Zügen übereinstimmt. In zwei Hss. von Chr.s Gedicht ist diesemeine Einleitung von ca. 1280 V. vorangestellt, welche die Schicksale seines Vaters Blio-cadrans 1 erzählt: durch den Tod seiner im Turnier gefallenen Brüder erbt Bl. das Reich;Trauer um deren Tod; er wird im Turnier tödlich verwundet und fern der Heimat begraben,kurz vor der Geburt seines ersten Kindes; ein Knappe bringt die Nachricht zurück. DieWitwe wird ohnmächtig; ein alter Berater tröstet sie; sie zieht sich in die Wildnis zurückund weilt hier 14.Jahre; dann beginnt Parzivals Geschichte. Im Bereich der franz. Literatursind auch Belakane und Feirefiz vorgebildet: Moriaen, 2 der Held eines niederl. Romans,der auf franz. Grundlage beruht, ist der Neffe (oder Sohn) Parzivals und einer Heiden-prinzessin, ein Mohr; er zieht aus, seinen Vater zu suchen. Das Thema der Feirefiz-Sageist die Vatersuche, das spezielle Merkmal besteht darin, daß die verlassene Frau und derSohn Mohren, Heiden, sind. 3 Woher W. die Kenntnis der Bliocadrans- und Feirefiz-erzählung zugeflossen ist, gehört zu den vielen Rätseln der Quellenfrage. Doch da dieseZusammenklänge von Blioc. u. Moriaen mit dem Gahmuretroman nicht zufällig sein können(eine umgekehrte Einwirkung W.s auf diese franz. Dichtungen ist selbstverständlich aus-geschlossen), so muß wohl angenommen werden, daß W. den Umriß seiner beiden ein-leitenden Bücher nicht selbst erfunden, sondern einer franz. Quelle entlehnt hat. 4

Die Erzählung von Belakane und Feirefiz findet ihren Abschluß in B. XV u. XVI, dieB. I voraussetzen, Anfang und Ende des P. entspringen einem einheitlichen Grundplan.Hat Wolfram den über Chr. hinausgehenden Schluß B. XIII XVI selbst erfunden in Hin-sicht auf dieVatersuche" des Feirefiz und überhaupt in Ausbauung von vorher in der Er-zählung gegebenen Motiven? Oder spricht auch hier Kyot? Dazwischen, am Abschluß vonP.s Jugendlaufbahn VI, 328,1 ff., ist (wohl vonW.) die Erinnerung an den weiß und schwarzenHerrscher von Azagouc und Zazamanc wach erhalten. 5

Auf franz. Einfluß in der Vorgeschichte deutet wohl auch die Anknüpfung Gahmuretsan das Haus Anjou. 6 Diesem hochmögenden Fürstengeschlecht das Haus Anjou-Plan-tagenet hatte den Thron Englands geerbt, erheiratete durch Fulco v. Anjou das KönigreichJerusalem und war mit den Weifen verwandt wird eine ruhmvolle Abstammung zu-

1 Bartsch, Germ. Stud. 2,116; Martin, QF.42,16; Heinzel, GralromaneS. 78ff.; Weston1,62 f. 71 ff. u. Reg. Bd.l u.2 unt. Blioc; Sin-ger, Stil S. 64; Palgen, Stein d. WeisenS.41 ff.; Bruce 2, 8590; Golther, Gralb.S. 139 f.

2 Martin, QF.42,18; Hertz S. 476; Wechss-ler, Sage v. Gral S. 39 ff. 143, dazu Blöte,Anz. 25,360; Singer, Festg. f. H. S. 37274,ZfdA. 44, 325, 7, Stil S.64; Weston 1, 125;Brugger, Festschr. f. Morf (1922), 59 ff. 65 ff.;Sparnaay, Verschmelzung S. 44; Bruce 1,331 f.; s. auch Schönbach, DLz. 1898,307ff.

8 In dem Gahmuretroman sind also dieMoriaen- u. Bliocadransfabel zusammenge-flossen : dem Mor. entspricht Belakane-Feire-fiz, d. h. B. I des Gahm. (die verlassene Frau),u. auch B. XV, Feirefiz' Vatersuche (diese ganzverdunkelt, 750, 30); dem Blioc. der Schlußvon B. II, Gahm.s Tod. B. I u. II sind auf scha-blonenhafte Weise aus den Grundzügen derMor.- u. Blioc.-Erzählung zu einem Romanbilderweitert durch die bekannten Motive von der

Gewinnung der Frau durch Befreiung (Bela-kane) bzw. durch Turniersieg (Herzel.).

4 Dagegen sind die Berührungen mit demfrz. Roman Saune de Nausay, Mitte d. 13. Jh.s,nur allgemeiner Art und erweisen keinen not-wendigenZusammenhang mit d. Vorgeschichtedes Parz. Singer, ZfdA. 44,327 ff., Stil S. 55 f.,aber Bruce 1,350ff.; Golther, Gralb.S. 192. Über Gahmurets Liebesabenteuer und diemittelalterl. Eneide s.ScHWiETERiNG,ZfdA.61,71 ff.

5 Fraglich ist, ob die Anknüpfung an dieSchwanrittersage 823,27826,28 jener Quelleangehörte, s. Singer, Stil S. 121 f., aber Bruce1,353; Golther, Gralb. S. 191.

6 ZARNCKE,Beitr.3,323; Heinzel, WSB. 130,33; Hertz S. 468. 480. 543, RosenhagenS. 558f.; Wechssler, Sage v. Gral S. 173ff.;FÖRSTER, Wörterb. S. 198* f.; Baist, RedeS.38f.; Martin, RedeS.12f.; Golther, RedeS. 22; Singer, Stil S. 48; Bruce 1, 321 f.;Golther, Gralb. S. 181 f.