Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
Entstehung
Seite
243
Einzelbild herunterladen
 

§ 39. VERGLEICHUNG VON WOLFRAMS PARZIVAL MIT CHRESTIENS CONTE DEL QRAAL 243

sam, W. 470, 110, Chr. 637790, die kurze Andeutung Chr.s über die Gralfamilie undAnfortas' Speisung verschwindet gegen W.s eingehender Darstellung. All die vielen Merk-würdigkeiten, wie das Keuschheitsgebot für den Gralkönig, die Heilversuche, die am Gralerscheinende Schrift, die die Hostie tragende Taube, die Berufungen zum Gral, der Gralals Stein, dazu die oben angegebenen Punkte hat nur Wolfram. Hat er sie selbst erdacht,oder waren sie ihm aus anderer Gralliteratur bekannt, oder fand er sie zusammen mit denandern Abweichungen von Chr. in seinem Kyot? Aber die Erklärung der Messer als Werk-zeuge zum Abschaben 479,20' kann er doch nicht bei Kyot gefunden haben, denn dieserverstand gewiß unter tailleor richtigTeller". Damit müßte der ganze Vorgang mit derLanzenspitze Wolfram zugeteilt werden, was allerdings die Folgerung erlaubt machen würde,daß Wolfram überhaupt noch weit stärkere Eingriffe in diesem Buche getan hätte. Und dieFahrten Trevrizents in Steiermark zeugen doch von einer selbständigen Stellung gegenüberdem Stoff, und unter den Heilmitteln 481, 6 ff. konnten ihm die vier Paradiesesflüsse, derZweig der Sibille (aus Veldekes Eneide), pellicänus und momcirus 2 (aus dem Physiologus)bekannt sein.

Aus den Büchern der Gawanabenteuer, VIIXIII (ausschl. IX), können noch folgendeaus Wolframs dichterischer Individualität entsprungene Abweichungen von Chrestien aus-gezogen werden: B. VII. Der gesellschaftliche Ten im Streit zwischen Obie und Obilotist anständiger, es fallen keine Ohrfeigen und groben Schimpfworte; Wohlwollen desDichters: er entschuldigt Obie. B. VIII. Literarische Zitierungen 399,1114; Persön-liches 403,30404,8.409,522; sinnliche Anspielung 406,28407, 9; die Schimpf-worte der Antikonie fehlen (Chr. 591421); der Auflauf der Bürger ist nicht so leben-dig bewegt wie bei Chr. 5867913, der Naturalismus ist abgeschwächt. Veredlungdes Helden: Gawan ist unschuldig an dem Tode von Vergulahts Vater 413, 1320. DerPreis der Antikonie 427, 518 klingt wie eine Polemik gegen Chr.s Verwünschung 580227 (auch 223,28 sagt W. das Gegenteil von Chr. 288587, auch 177, 14 stehen gegenChr. 167678 [155570]). Die Berührungen, die W. gegen Chr. mit dem franz. Theben-roman 3 gemein hat, aus dem auch der Name Antikonie = Antigone herkommt (bei Chr.nur pucele, demoisele), beweist nicht unumgänglich für das Bestehen Kyots, da W. die Stelleaus dem Roman de Thebes, der ja sehr bekannt war, entlehnt und mit dem Namen Kyotnur seine Abweichung von Chr. gedeckt haben kann. 4 Die folgenden Berufungen auf Vel-dekes Eneide und auf das deutsche Volksepos sind ja sicher Ausschmückung von W. 6B. X. Wolfr. gehört auch zu die Minnelehre 532,1534,10; die sinnliche Situations-malerei 555, 19556, 2. Die Mißgeschöpfe vom Wasser Ganjas (Ganges) und die TöchterAdams 517, 2830. 518, 11 ff. hat er aus dem deutschen Lucidatius beigebracht (Singer,Wh. S. 17). B. XII. Anrede an die Minne 583, 1588, 6 mit Beispielen aus der höfischenRomanliteratur. Die Ausdrücke des Hasses der Orgeluse sind gemildert oder weggelassen(auch die stehende Bezeichnung la male pucele u. ä. Chr. 8293. 378. 422 u. ö. Auf die Be-nutzung der Eneide 9392 ff. bei der Beschreibung von Schastelmarveil 589,1590,16 deutetW. durch Nennung der Camille selbst hin und wörtliche Übereinstimmungen mit VeldekesText beweisen es. 6

1 Singer, Stil S. 88 f.

2 Monosceros im Straßbg. Alex. 5578, s. KiN-zel, Ausg. S. 503.

3 Singer, Stil S. 53. 104 ff., auch Berl. Ak.1918 Nr. 13 S. 7 f.

4 Guiot v. Provins hat eine ähnlich unsoldati-sche Gesinnung wie Liddamus P. 419,1 ff.,bezügl. dessen Wolfr. auf Kyot hinweist 416,17 ff., s. San-Marte, Germ. 3, 449 ff., vgl. auchErmoldus Nigellus, De gestis Ludovici B. I.

5 Behaghel, Lbl. 1898, 263; de Boor, Ru-moldes Rat, ZfdA. 61,111.

16*

6 Behaghel, Eneide S. CCXV. Der esterichvan edelen steinen En. 9458 mag W. schon für566,2028 vorgeschwebt haben; zu der Aus-sicht von der Säule 590, 714. 592,1-13 vgl.En. 596271. Die Ideenverbindung, die W.dazu brachte, den Turm Chr.s zu einer Säulezu machen, läßt sich verfolgen: bei Chr.fand er die Betonung der Rundsicht, da er-innerte er sich an den gleichen Gedanken inder Beschreibung von Camillens Grabmal beiVeldeke.