Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
Entstehung
Seite
241
Einzelbild herunterladen
 

§ 39. VERGLEICHUNG VON WOLFRAMS PARZIVAL MIT CHRESTIENS CONTE DEL GRAAL 241

kung über die Frauen 436, 1132, die spöttische Anspielung auf Sigunes Ring 439, 1115(vgl. 487, 11 ff.); seiner Gemütsart entspricht die Versöhnung 441, 1519, als Lösung desfrüheren Streites 225, 2130. Die vierte Sigunenszene im B. XVI, 804,7805,10 fällt unterdie gleiche Quellenbeurteilung wie die drei letzten Bücher überhaupt.

Das kleine Zwischenstück, die Einkehr bei dem Fischer 142, 11144, 16 = Chr. 81238, hat W. selbständig in Erinnerung an Hartmanns Gregorius umgemodelt, gegen den ersich auch persönlich wendet 143, 21144, 4. 1

In der Szene mit dem roten Ritter 2 (Chr. 443 V. = W. 502 V.) liegt der Unterschiedeinmal in der Bewegtheit, indem von W. der dramatisch belebte Vortrag und die leiden-schaftlichen Erregungen des franz. Gedichtes in die bedächtigere deutsche Art umgesetztsind; und dann in der Auffassung des Menschen, da der wilde Ither zu einem Muster vonRittertugend veredelt ist (wohlwollende Charakterbeurteilung). Auch die Tölpelhaftig-keit des Knaben ist gemildert und bei der Entkleidung der Leiche geht es gesitteter zu. 3

Die Schlußszene des III. Buches, Parz. bei Gurnemanz (Chr. 395 V. = W. 528 V.) gibtzunächst einen Blick in die verschiedene Gedankenbildung der beiden Dichter: Chr. be-schreibt das Schloß, W. braucht ein barockes Bild (hervorgerufen durch nestre, nessoientChr. 1304 f.), Chr. schaut die Dinge, W. denkt sie sich aus. Die Reihenfolge zwischen162, 6 und 175, 18 = Chr. 13951669 verläuft bei W. regelmäßiger, bei Chr. sind Waffen-lehre 14031510 und Sittenlehre 161546 durch die Bewirtung 15111614 getrennt (Um-stellung). Bei W. ist mit den feinen, höfischen Kulturformen ein reiches Sittenbild ent-faltet, bei Chr. herrscht der lehrhafte Zweck vor. Mit den Lehren des alten, weisen Mannesist die Aufgabe, die dieser Abschnitt im Spielplan hat, erfüllt, aber bei W. folgt noch einetragische Nachgeschichte. Ob er die Gestalt der Liaze erfunden oder anderswoher über-nommen hat, kann wieder nicht durch zwingende Beweise entschieden werden. Auch Hart-mann erzählt, daß die schöne Tochter eines Burgherrn auf einen Gast einen liebenswertenEindruck machte, Iwein 314ff.; hier auch die gemeinschaftliche Mahlzeit, auch der Ritter mitdem müzerhabedi Iw. 284, vgl. P. 163,8; daß der Vater seine Tochter mit dem Gast verheiratenmöchte, kommt im Iw. 6605 ff. 6799 ff. vor. Das Schicksal der unglücklichen Söhne des Gurne-manz ist zusammengestoppelt aus Stellen und Namen des Erec und des Parz. selbst.

Im III. Buch konnte eine Reihe von Zügen als ausgesprochen Wolframsche Prägung an-erkannt werden. Um seinen eigenen Anteil am Parz. einigermaßen festzustellen, werdendiese Motive auch für die andern Bücher herauszuheben sein.

B. IV. Objektive Schilderung der Hungersnot bei Chr., wie es wirklich in der Stadtaussah, bei W. Wirkung des Elends an den grotesken Hungergestalten und subjektive An-spielungen auf sich und umgebende Örtlichkeiten 183, 19185, 11 gegen Chr. 172549. Statt Chr.s prächtiger Schilderung der Schloßherrin 17711805 bei W. Superlative Ver-gleichung mit andern Schönheiten (Aufzählung) 187, 1123 = Chr. 17711805 und eingemeingebräuchliches Bild 188, 613. Die Liebe zwischen Parz. und Condw. (Blancheflor)ist bei Chr. mehr eine höfische Amourschaft, bei W. das eheliche Weib in Treuen. Sinn-liche Auffassung der Minne W. 193, 114. 193, 29-194, 4. 202, 29203, 10; erotischeAnzüglichkeit W. 192, 917; allgemeine Betrachtung über die Minne 201, 21 ff. Weglassungder Prozession (Chr. 2900) als kirchliche Förmlichkeit.

Im B. V hat das Gesamtbild bei W. ein weiteres Ausmaß. In großer Pracht entfaltet sichdie Feierlichkeit auf der Gralsburg {hart mer von rldiheite sagen 237, 21), bei Chr. vollziehtsich alles in einfacheren Formen. Einige Züge können aber W. wohl nicht ohne weiteres alseigene Erfindung zugeschrieben werden: die Trauer der Gesellschaft; nur eine keusche Per-son kann den Gral tragen; der alte Mann im Nebengemach: diese Ergänzungen finden sich

1 Schröder, ZfdA. 53, 398400; Singer,Stil S. 71 f.

'' Schölte, Der rote Ritter, Neophilol. 5,115121 (den Namen hat W. nicht aus H.s Erec,sondern aus Kyot).

Deutsche Literaturgeschichte III 16

3 Lichtenstein, Beitr. 22,18 f.; Singer, StilS.76L; Golther, Gralb. S. 150 ff. Das Nicht-sprechen des Antanor kann doch W.s Einfallsein, es ist eben das Zeichen eines tören, nichtreden zu können.vgl. Diu halbe bir 165ff. 324 ff.