§ 39. VERGLEICHUNG VON WOLFRAMS PARZIVAL MIT CHRESTIENS CONTE DEL GRAAL 239
„wälschen Dummkopfs" auskosten zu lassen, W. aber verleiht dem Naturkind einen Lieb-reiz durch den Blick auf seine Schönheit 122,13. 123, 12—18. 124, 17—21; Chr. hat es mehrauf Witz abgesehen, W. nimmt stärker mit dem Gemüt teil. Endlich läßt sich noch eine anderepsychologische Wesensverschiedenheit beobachten: die realistische Sinnenschärfe des franz.Dichters. Hörbar ist der Lärm der Waffen, sichtbar ihr Glanz, man hört und sieht die Ritterheransprengen, Chr. 100—10. 125—34 (Li vaslez ot 111, il vit 127); W. hat dafür nur ganzkurze, abgeblaßte Angaben 120, 15. 24—26, später aber 122, 2—12 (dazu 123, 21 — 124, 4)beschreibt er die Rüstung des Führers: er hat aus dem lebendigen Ereignis der erzähltenHandlung bei Chr. ein bloßes Ausstattungsstück gemacht.
W.s Text in diesem 2. Auftritt läßt sich durchweg aus Chr. erklären, für seine Abweichungenbraucht keine andere Quelle angenommen zu werden, sie ergeben sich ohne Zwang ausseiner persönlichen Eigenart.
Auch die dritte Szene überschreitet bei Chr. den Umfang bei W. bedeutend, fast umdas Dreifache (W. 125, 27—129,4 gegen Chr. 341—612). Rasch drängt es sich bei W. zumAbschied, nur die Nacht noch bleibt der Knabe bei der Mutter 127,12 (bei Chr. 486 nochdrei Tage). Alles entwickelt sich schneller, der Schmerz der Mutter ist nur mit wenigenWorten gezeichnet 126, 1—5, dann zwischenhinein nur angedeutet 126, 15. 127, 10, aber ausihren Handlungen, ihrer Sorge für ihr Kind ist ihre starke innere Bewegung herauszulesen;bei Chr. heftige Leidenschaftsausbrüche, eine stärkere seelische Erregung ist bei ihm überden ganzen Auftritt ausgebreitet. Fühlbarer noch äußert sich die verschiedene Gemütsverfas-sung des deutschen und des französischen Dichters in der Haltung des ins Leben stürmendenKnaben: W. hat ihm, seiner idealisierenden Lebenswertung entsprechend, das Liebliche nichtabgestreift, bei Chr. ist er mehr ein Bengel, er macht der Mutter kindische Vorwürfe (363—82), kümmert sich nichts um ihre Sorgen und verlangt nur gleich zu essen 469—75 und /läuft endlich lieblos weg, obgleich er sie zu Boden sinken sieht. Diese Schattierungen desüberlieferten Stoffes (Milderung der Leidenschaft, Veredelung) entsprechen W.s 1sonstiger Pinselführung.
In einem scheinbar kleinen, aber für die Folge nicht bedeutungslosen Punkte weicht W.von Chr. inhaltlich ab: bei Chr. fällt die Mutter beim Abschied wie tot zur Erde, bei W.ist sie wirklich tot, aber er weiß weder von Ihrer Ohnmacht noch von ihrem Sterben.Darum fallen die späteren diesbezüglichen Bemerkungen Chr.s über die Ohnmacht (pasmeecheoir) bei W. weg. 1 Durch diese Hinweise tritt bei Chr. der Tod der Mutter im Lebendes Helden bedeutungsschwerer hervor und wird zu einer moralischen Schuld, die deneigentlichen Grund bildet, weshalb P. die Frage beim Gral unterläßt (Chr. 3555—57. 6361 —70). Doch gehen diese Gefühlsmomente nicht tief (si ne sai, s'ele est vive ou morte 1562);W. hat dagegen nur die wenigen, schlichten Worte: siner muoter er gesweic mit rede,und in dem herzen niht; als noch getriuwem man geschiht 173, 8—10.
Zweifelhaft bleibt die Entscheidung über die Quellenfrage bei den vier Lehren der Mutter(W. 127, 13—128, 12 = Chr. 506—78, immerhin lassen sich die Abweichungen W.s ausseiner Arbeits- und Denkweise erklären. 2
In dem 4. Auftritt, Jeschute, 3 W. 266 V, Chr. 199 V., geht W. in den Leitlinienmit Chr. zusammen, seine Abstände lassen sich alle aus seiner Übertragungsart erklärenund liefern weitere Belege für dieselbe. 1. Umstellungen: die richtige Ordnung bei Chr.
J
''fi '
1 Chr. 1555-68 u. 1675—78 fehlen bei W.176,29; 2874—84. 2942—46. 2952—55 fehlenW.223, 20f.; 3556. 3574-87 fehlen W. 252,15—17; 6356-60 fehlt W. 476,12.
2 Vgl. Lichtenstein, Beitr. 22,13; Singer,Festg. f. Heinzel S. 354 ff., Stil S. 70; ein-gehendGoLTHER,Gralb.S.148ff. Chr.s Damen-lehren sind Regeln für den Minnedienst eineshöfischen Ritters (servir 511. 521), W. hat den
Dümmlings- u. Märchencharakter naiver ge-wahrt: dreist u. ungalant und gegen die Hof-sitte ist es, wenn sich der Junge zum Kuß desguten Weibes stürzen und ihren Leib fest um-fassen soll. — Kirchliches Zeremoniell (dieLehre vom Kirchenbesuch) meidet W. auchsonst, ebenso wie Hartmann.3 Griffith, Sir Parceval of Galles, 1911, S. 5.105ff.; Pschmadt, ZfdA. 55, 63-75.