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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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238
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238 Die erzählende Dichtung

prise 2286; rnanegez er der gadem erlief 247, 3 = si s'an va vers les huis des chambres3333, usw. Bei der Schilderung von Cundrie scheint W. die spätere Fratze des ZwergesP. 520, 6 vorgeschwebt zu haben (Lichtenstein S. 52): linde als ein swlnes rückehär 313,20 = comepors qui es hericiez 6954; hierbei läßt sich in wenigen Versen die Selbständig-keit Wolframs beobachten: die Verbindung weit auseinander liegender Stellen und der Humor,mit dem die Schweinsborsten als linde bezeichnet werden.

Am sichtbarsten tritt Wolframs freies Schalten mit dem Stoff in formalenÄnderungenhervor: er erweitert den Text der Vorlage, kürzt, stellt um oft auf entfernte Stellen,verdeutlicht und gibt nähere Erklärungen, hängt Reflexionen an. Von den Wandlungen desInhalts kann ein Vergleich der einzelnen Bücher Wolframs mit den entsprechendenAbschnitten Chrestiens eine Vorstellung geben.

Das III. Buch ist um 318 V. gegenüber Chr. 691678 erweitert. Die erste Szene, dasWaldleben, beläuft sich bei Chr. auf nur 30V. (6999), bei W. auf 94 V. (117,7120,10). Die Jägerei des Knaben ist bei Chrestien nur als ein einmaliger Waldspazierritt auf-gefaßt, Wolfram dagegen gibt in einer durch viele Einzelheiten veranschaulichten Bunt-heit ein Gesamtbild von P.s Kindheitsgeschichte. Zweifellos hat er hier nicht ChrestiensDarstellung als Vorlage, sondern eine andere franz. Überlieferung, die dem engl. Sir Percevalnahe steht, 1 denn auch dieser faßt die Waldgeschichte als einen ganzen Lebensabschnitt,nicht als ein einmaliges Geschehnis: 15 Jahre wohnt die Mutter im Wald (14 Jahre in derBliocadrans-Einleitung), bis zu der Zeit, da Parz. den Rittern begegnet, und der Lebens-lauf wird in den gleichen Einzelheiten gezeichnet (der Knabe soll nie von Ritterschaft er-fahren, erlegt Vögel und Hirsche, bringt das Wild nach Hause u. a.). Die Fassung vonWolfram und Sir Percev. (Bliocadr.) ist aber ursprünglicher als Chrestien. Das Verhältnisliegt hier nicht so, daß man W. aus Chr. zu erklären hat, sondern umgekehrt, Chr. aus W.Man kann Chr.s Arbeitsweise erkennen: er tritt mitten in die Dinge: an einem schönenFrühlingsmorgen erhob sich der Sohn der Witwe usw. Die Einzelheiten flicht er dann z.T.in die spätere Erzählung ein (Vögel u. Tiere schießen 20005, die Religionslehre 11320. 13556. 17072. 177-79. 54772, die Flucht in den Wald 431). Chrestien hat alsodie einheitliche Erzählung der Waldjugendzeit Parzivals aufgelöst und gelegentlich späternachgeholt. Dieses methodische Verfahren ist viel wahrscheinlicher als das umgekehrte, daßWolfr. und Sir Percev. unabhängig voneinander die zerstreuten Einzelheiten zusammen-gesucht und zu einem einheitlichen Entwicklungsgang verarbeitet hätten. Den Stoff also hatW. in den Hauptpunkten entlehnt, aber die tiefere, seelische Durchdringung wird er ihmgegeben haben. Es ist ja an sich die nationale Eigenart der deutschen Umdichter, dasInnenleben stärker mitsprechen zu lassen. Wolfram auch hat den tieferen Grundgehalt dertriuwe. in die Gotteslehre der Mutter hineingelegt, denn die Treue ist der Grundstein seinersittlichen Anschauungen.

Der zweite Auftritt, P.s Begegnung mit den Rittern, ist bei W. 120,11125,26 gegenüberChr. 100340 2 stark gekürzt, die Entwicklung verläuft rascher und einheitlicher. Einzelnes wirktbei W. schlagender, so die Anrede P.s an die Ritter hilf got! 121, 2, hilf mir, hilferichergot 122, 26, ay ritter got 123, 21; dagegen ist die Vorstellung der Ritter bei Chr. 102 u.157 klarer als bei W. 120, 2426.121,1327. Zwei verschiedene Persönlichkeiten, dichterischund menschlich gemessen, enthüllen sich in den wenigen hundert Versen, und gleich hiertreten mehrere, W. kennzeichnende Stilisierungen hervor: die persönliche Bemerkung überdas Wesen der Baiern 121, 712; die verdeutlichende Erklärung 121, 1822; dieliterarische Anspielung 125, 1116; das Übergehen bloß äußerlich religiöserFörmlichkeiten (Chr. 11720. 15456). Das Zwiegespräch zwischen dem Dümmling und \dem Ritter ist bei Chr. ausführlicher und mit größerem Behagen an dem Unverstand desKnaben in die Länge gezogen; Chr. hat eine Freude, die Hörer die närrischen Einfälle des

1 Strucks S. 9 ff.; Hertz S. 43638 u. I ther, Gralb. S. 11834; weitere Lit. s.obenRosenhagen S. 565 f.; WestonI, 87ff., Gol- [ S.234Anm.l.