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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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Die erzählende Dichtung

die Parzival- und Gralsage war nicht nur in der geschriebenen Buchliteraturfestgelegt, sondern sie war lebendig in den mündlichen Unterhaltungsvor-trägen der Conteurs und Geschichtenerzähler und eine Fülle von Einzelzügenmochten da umgehen, deren manche auch von den Dichtern aufgenommenwurden. Auch die mittelenglische Romanze Sir Perceval of Galles, 1Mitte des 14. Jh.s, mit volkstümlichen Tönen, geht wohl auf Chr. zurück,mit Benutzung anderer, vielleicht kymrischer Überlieferung. Verwandt mitdiesem englischen Sir Perceval ist der italienische Carduino des 14. Jh.s.Das englische Gedicht enthält nur die Jugendgeschichte, etwa = WolframsB. III. IV, Sigune und Jeschute von B. V und einiges vom Artushof B. VI,vom Gral aber wird nicht gehandelt. 2

Niemand würde zweifeln, daß Wolfram in den mit Chrestien zusammen-fallenden Teilen diesen allein nachgeahmt hat. Aber er selbst übt Quellenkritik,er nennt einen andern als Gewährsmann, einen in der Literaturgeschichtebis heute unbekannten Kyot (allerdings er selbst nennt ihn IX, 453, 11K. der meister wol bekant). Er zitiert ihn an sechs Stellen des Parz.von B. VIII, 416, 20 an: dreimal in den bloß formelhaften BeglaubigungenVIII, 431, 2 ich sage in als Kyot las, XV, 776,10 ob Kyot die wärheit sprach,XVI, 805, 10 op der Provenzäl die wärheit las; dreimal aber mit inhalts-reicheren Andeutungen: a) VIII, 416, 1030: Kyot la schantiure (le chan-teur, oder l'enschanteur, Zauberer? Singer, Stil S.43f.; Vietor, Beitr. 46,111;Palgen, ebda 310) hieß er, der durch seine Kunst im Singen und Sprechenvieler Herzen erfreute; Kyot ist ein Provenzäl, der dise äventiur von Par-zival heidensch geschriben sach usw. Bei diesen Personalangaben ist einigesauffallend: ein Provenzale, der französisch dichtete, zudem ein Epos, wäh-rend sonst in der provenzalischen Literatur die epische Gattung nicht ge-pflegt wurde; die Bezeichnung chanteur, Sänger, Liederdichter, für den Ver-fasser eines Romans; die nordfranz. Namensform Kyot = Guiot (prov. Gui-zot). b) Am rätselhaftesten ist die Quellenangabe im IX. B. vor der Er-klärung des Gral 453,5455,12: Kyot fand in Toledo verborgen 3 die Quelle

1 Zum engl. Sir Percev.: Martin, Anz. 15,208; GOLTHER, Münchn. SB. 1890, 230 ff.;Heinzel, Gralromane S.22 m. WSB.130, 50 f.112; Wechssler, Sage v. Gral S. 39ff. 143;Hertz S. 435 ff., dazu Rosenhagen S. 565 f.572; Gaston Paris, Hist. Litt, de la France 30,259 ff.; Carsten Strucks, Der junge Par-zival, Münster. Diss. 1910, dazu Golther,Lbl.1912, 393 ff.; Weston Bd. 1, Reg. S.343,Bd. 2 Reg. S. 354 (s. unten Lit. zur Gral-sage); Griffith, Sir Perceval of Galles, dazuGolther, Lbl. aaO., Brugger, Zffrz. Spr. u.Lit.44,13785; Pschmadt, ZfdA.55, 63ff.;Singer, Berl. Ak. 1918 Nr. 13 S. 7; Brown,Mod. Phil. 1919.1920.1921.1924, dazu Gol-ther, Lbl. 1925, 283 f.; Sparnaay, Verschmel-zung S.66f.; Bruce, Arth. Rom. 1, 309 ff.;Golther, Gralb. S. 11823; Hans Naumann,

Primitive Gemeinschaftskultur S. 66ff., 80f. 90;Marie Ramondt, Zur Jugendgesch. d. Parz.,Neophilol. 9,1522. Vaterrache im Arabi-schen: Singer, Berl. Ak. aaO.

2 Zugrunde liegt zum Teil Chr.s Gedicht,aber einige Züge stammen wohl aus britischerVolkssage wie die Vaterrache (Anklänge beiWolfr. in den Lehren der Mutter [Lähelin]P. 141,7.154,25), die Rückkehr P.s zur Mutterund ihre Heimholung in sein durch die Heiratmit Lufamour (= Condwiramurs) erworbenesReich, die dem Stil eines regelrechten Märchen-schlusses entspricht.

3 nigromanzi 453, 17: Schönbach, Wien.SB. 139(1898) Nr.V. S.79-85,ebda 140(1899),IV. S.47ff.; Palgen, Der Stein der Weisen,Bresl. 1922.