Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
Entstehung
Seite
233
Einzelbild herunterladen
 

§ 37. Entstehungsweise des Parzival. § 38. Die Quellen des Parzival 233

§ 38. Die Quellen des Parzival

Die Forschung über Wolfram stellt die schwierigsten Aufgaben. Er ist deroffenherzigste der mhd. Erzähler und doch stoßen wir überall auf dunkleGründe. Er hat dem Leser manchen vorüberhuschenden Einblick in seineLebensverhältnisse gewährt, aber die kurzen Andeutungen sind nur Spuren,die sich ins Unbetretene verlieren und geben der Wißbegierde nur noch wei-teren Anreiz. Er hat in seinen Werken eine Schau in ein unendlich reichesGeistesleben und zu den höchsten Ewigkeitsgedanken eröffnet, aber wir ken-nen die Quellen nicht, aus denen ihm das Wissen geflossen. Zweifel umZweifel, Fragen, nichts als Fragen.

Unentschieden ist die Quellenfrage. Ein großer Teil des Parzival stimmtüberein mit Chrestiens v. Troyesli Contes del Graal". DieserPerce-val" ist Chrestiens letztes Werk, er ist vor seiner Vollendung gestorben. Esfehlt der Schluß, auch hat er Gahmurets Vorgeschichte nicht bearbeitet, sodaß sein Perceval Wolframs Büchern III bis gegen Ende von XIII entspricht.Chrestien hat sein Gralbuch für den Grafen Philipp v. Flandern verfaßt, vor1190, denn Philipp starb 1191 im heiligen Land. Aber Chrestiens Conte delGraal ist nicht die erste epische Bearbeitung der Parzivalgeschichte, sonderner hat ihn nach einem franz. Buch, le Livre, gedichtet, das ihm der GrafPhilipp gegeben hat. So berichtet er in der Widmung 168, 1 die er diesemseinem Gönner zugedacht hat und worin er dessen Kirchlichkeit, Freigebig-keit und Nächstenliebe (charite) preist. Chr.s Perceval ist also nicht der ersteParzivalroman, da ihm wenigstens noch le Livre (X) vorangegangen ist, aberer war der angesehenste und erfolgreichste, denn von ihm geht die Parzival-literatur aus: der kymrische Peredur (Mabinogi) 2 und die altnordische Prosa-bearbeitung, die Parcivalssaga, um 1300, 3 vor allem aber gab er Veranlas-sung zu mächtigen Fortsetzungen, 4 meist wirren Abenteuerromanen, die zueinem Umfang von etwa 60000 Versen anschwollen (Anonymus, Wauchierde Denain, Manessier bis ca. 122030; Gerbert de Montreuil machte vor demTeil des Manessier einen nachträglichen Einschub, um die Mitte des 13.Jh.s).In Prosaübertragung wurde Chr.s Conte del Graal im J. 1530 in Paris ge-druckt. 5 Auch eine Vorgeschichte wurde hinzugedichtet (Bliocadransfragment,s. unten). Diese Ausweitungen von Chr.s Gedicht haben auch noch aus an-deren schriftlichen Quellen oder aus mündlichen Erzählungen geschöpft. Denn

eysen, Zfkelt. Phil. 18, 18589, Marie Ro-ques, Rom.39,38385; Zenker, Rom. Forsch.40 (1926) H.2; Bruce 1, 342 ff.; Golther,Gralb. S. 109 ff.

3 Hgb. von Kölbing, Riddarasögur S. 1 ff.;Ders., Die nord. Parz.saga u. ihre Quelle,Germ. 14, 12981 u. Nachtr. 15, 8994.

4 Ausg. diesesConte del Graal" von Potvin,Perceval le Gallois ou le Conte del Graal,6 Bde., Mons 1866.

5 Textverhältnis der Prosa zu Chr.s Ged.:Brown, Mod. Lang. Notes 41 (1926), 230ff.

1 Die Zitate beziehen sich auf den Abdruckvon Baist 1910 (nicht im Buchhandel).

2 Lit. üb. Mabinog. s. oben S. 137. Zumkymr. Peredur: Birch-Hirschfeld, Sage vomGral S. 204ff.; Golther, Münchn. SB. 1890,174-217; Heinzel, WSB. 130, 47-50; Win-disch, Das kelt. Brittannien S. 190 ff.; Wechss-ler, Sage vom Gral S. 34 u. Anm. Nr. 44;Hagen, Germ. 37, 12545; Mühlhausen,GRM. 10, 367 ff., dagegen Zenker, ebda 11,240ff.; Mary R. Williams, Essai sur la com-position du roman gallois de Peredur, Paris1909, dazu Golther, Lbl. 1912,397, Thurn-