§ 36. Komposition und Darstellungskunst 231
Gelegenheiten erwähnt. Aber im Parz. leuchtet das süße Bild des reinenToren in lichtem Glänze aus seiner Umgebung.
Auch Kleidung und Rüstungsgegenstände werden selten eingehenderbeschrieben. Der Treffpunkt für den Sehsinn ist dann die Farbe: grün sindWappen und Gewand Gahmurets 14,15—15,7. 36, 21—37, 9, vgl. 59, 3—14;farbenprächtig, gold und rot zeichnet sich der Schild Fridebrants aus, dieBrünne warf einen Glast wie Feuersglut 70, 21—71, 28; wortspielerisch wirddas rot des roten Ritters wiederholt 145, 16—146, 4, ein ganzes Farbenspielleuchtet auf dem Staatskleid, das Parzival in Gurnemanz' Schloß angelegtwird 168, 2—20.
Beschränkt ist die Kunst der Charakterisierung 1 des inneren Menschen.Es fehlt der Blick, oder die Ausdrucksfähigkeit, seelische Wesensarten ab-zutönen oder folgerichtig zu entwickeln. Der ethische Optimismus, der dasCharakterbild einer Person der Gesellschaft möglichst von Makel rein haltenwollte, gab Anlaß zu manchen psychologischen Unstimmigkeiten. So störtmanchmal ein Widerspruch zwischen den veredelnden Worten des 'Dichters |und den Handlungen der betr. Person (vgl. unten Gahmuret).
Hemmende Abschweife vom epischen Fortgang der Erzählung sindhäufig: Reflexionen über die Minne, persönliche Auslassungen, Anspielungenauf Umgebung und Zeitverhältnisse (s. oben), Namenaufzählung (z. B. 770,1—30. 772, 1—23. 791, 1—30).
Die Erzählungskunst Chrestiens und der Artusdichter ist stark in Steige-rungen und Kontrastwirkungen. Die Gawanhandlung als ein Stück Artus-roman ist nach dem Gesetz der Steigerung aufgebaut: drei Damenverhältnisse,die von bloßer Spielerei (Obilot) und sinnlicher Reizung (Antikonie) zu ernsterVerliebtheit (Orgeluse) aufsteigen, drei Tapferkeitsproben (Bearosche, Ascalun,Schastelmarveil), deren letzte die schwerste Leistung ist. Ebenso sind dieKämpfe Parzivals gegen Gramoflanz, Gawan, Feirefiz Beispiele der Steige-rungstechnik der Artusromane.
Auf Antithese beruht die ganze Idee des Gedichtes (s. unten), in Par-allelismus gestellt sind die Handlungen Parzivals und Gawans. Ebenfallszum Bau der Artusromane gehört die überraschende Katastrophe (s. obenS. 140), die hier in der Verfluchung Parzivals den Umschwung der Handlungbedingt. Aber auch sonst, in Einzelauftritten, ist das Gedicht reich an dra-matischen, unerwarteten Wendungen, so die jähe Vernichtung von Herze-loydes Glück, später ihr plötzlicher Tod, das unfreundliche Ende des erstenGralbesuches, die plötzliche Störung des Schäferstündchens mit Antikonie, dasZerbrechen von Parzivals Schwert und die gegenseitige Erkennung der Brüder.
Beim Parzival liegt schon im Stoff ein stark spannendes Moment, dadie Geheimnisse der Gralsburg Aufklärung erfordern. Mit B. V und der Kata-
1 Charaktere: Bahnsch, Untersuchg. üb. d.Darstellg. u. üb. d. Zeichng. d. Charaktere inW.s v. E. Parz., Danzig 1880; W. Mielke, D.Charakterentwicklg. P.s, Progr. Gartz 1904. Üb.
Optimist. Charakterisierung, bes.d.Antikonie:Rolf Weber, Journ. of Engl. andGerm.Philol.17, Julyl918S. 15f.