Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
Entstehung
Seite
230
Einzelbild herunterladen
 

230

Die erzählende Dichtung

von Parzival und dem Gral B. V. VI. IX, flotte Partien bei langstieligemZubehör enthalten noch die drei Abenteuer Gawans B. VII. VIII und X. XI,aber die folgenden Bücher XIIXV erlahmen und erwecken mit den Tjostenund dem zeremoniellen Artushofleben den Eindruck von höfischen Parade-stücken, die von der Absicht bloßer Erweiterung und Raumfüllung be-lastet sind. Erst mit dem Auftreten der Gralbotin am Schluß von B. XVerhebt sich das Lebensgefühl zu den großen Gedanken eines erhabenenAbschlusses.

Wenn auch die Grundlinien des Aufbaus durchsichtig sind, so ist dochdie Fülle des Stoffes nicht im einzelnen einheitlich ausgearbeitet und beiWolfram gar zersprengt die Willkür der Abschweifungen und persönlichenAnspielungen das Maß künstlerischer Form. Durch solche Seitensprünge wirddie Masse von Einzelszenen noch verworrener und einige Male gerät über-haupt die Erzählung in ein Durcheinander. 1

Die Natur 2 ist nur in knappen aber markigen Strichen entworfen, die inihrer Gesamtheit ausreichen, um in der Landschaft den Lebensvorgängeneinen stimmungsvollen Hintergrund zu verleihen und den Unterton des Mär-chenhaften zu verstärken. Ohne Wegkenntnis reitet Parz. nach seinem inunbekannten Fernen liegenden Ziele auf kaum betretenen Pfaden, durch Ge-birg und Feld und Moor, am strahlenden Sommertag oder wenn Schneedie einsamen Steige verhüllt. Menschenleer dehnen sich die Wälder und wildenHochgebirge, durchrauscht von schnellen Wassern, stille Klausen stehen ansteilen Felswänden. Da erhebt sich mit einemmal ein türmereiches Schloßaus der Ebene, davor der grüne Anger, von breiter Linde beschattet. NachMunsalvaesche aber gehen unkunde Wege, in dreißig Meilen ist kein be-bautes Land zu schauen, unnahbar trotzt sie jedem Sturm, viel Türme, mancherPalas stand da in wundersamer Wehr. Gawans Abenteuerreise führt nicht zumweltfernen Gral, sondern auf die Burgen schöner Damen, in Wundergärtenmit ausländischen Bäumen und auf das Zauberschloß Schastelmarveil, undan der Quelle trifft er nicht eine büßende Klausnerin, sondern eine koketteWeltdame.

Wolframs Blick haftet nicht an den Einzelheiten der natürlichen Umwelt,aber er faßt sie sicher in hervortretenden Merkmalen. Es ist ebenso bei derBeschreibung der körperlichen Gestalt. 3 Jeder Hörer oder Leser trug seinritterliches Idealbild in sich und die dichterische Wiedergabe ist typisch:ein jeder Held ist schön, stattlich, stolz, einzelne Differenzierungen, ob kleinoder groß, schlank oder beleibt, jung oder alt werden nur bei besonderen

1 Widersprüche im Parz.: Bahnsch, Progr.Danzigl880 S.14ff.; HEiNZEL,WSB.130,23ff.41 ff. 101 ff.; Sonnleithner, Anz. 23, 204 f.;Jellinek u. Kraus, ZföQ. 93, 685 ff.; Helm,Beitr. 41, 372 ff.; Schreiber S. 196; Karg-Gasterst. S. 72 f.

2 Otto Unger, Die Natur bei W. v. E.,Greifsw. Diss. 1912; Jacobsohn, Farben,

Teutonia 22 (1915).3 Alb. Ilg, Beitr. S. 90117; Alex. Himpel,Die Darstellg. d. Gestalten in W.s P., Greifsw.Diss. 1921, Maschinendr.; Schwietering, DieBedeutung des Zimiers bei W. v. E., Festschr.f. Sievers 1925 S.55482. Das Glänzende alstypisches Schönheitsideal: Burdach, Reinm.S.49; Singer, Stil S. 21 f.; Jacobsohn, Farben.