Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
Entstehung
Seite
229
Einzelbild herunterladen
 

§ 36. Komposition und Darstellungskunst

229

seiner Jugend und deren katastrophalen Abschluß B. IIIVI folgen die Aben-teuer Gawans in B. VII. VIII und XXIV, diese aber sind getrennt durch dengeistigen Höhepunkt des Gedichtes, Parzivals innere Wandlung im B. IX.Die letzten zwei Bücher XV XVI gehören wieder dem Helden allein an undbringen ihn zur Vollendung. Es durchschlingen sich also zwei Lebenskreise,die Parzival-Gralhandlung und die Gawanhandlung, das treibende Moment,von dem beide ausgehen, liegt in der Verwünschung Parzivals und Gawansdurch Cundrie am Schluß des VI. Buches. Jede der beiden Handlungen istin sich geschlossen und hat ihre besonderen Entwicklungsbedingungen, abersie werden zusammengehalten durch den technischen Kunstgriff, daß Parz.von Zeit zu Zeit in der Gawangeschichte gleichsam auf der Bildfläche er-scheint 1 und sozusagen im Hintergrund mitspielt. Beide Handlungen habenvon vornherein verschiedene Ziele, die jedoch in die gleiche Idee ausmünden,in die Befreiung schicksalsbedrückter Menschen. Verschieden ist der szenischeAufbau: die Parz.handlung ist ein Entwicklungsroman, in dem sich das innereLeben des Helden in einheitlich psychologischem Zusammenhang entfaltet,die Gawanhandlung ein Abenteuerroman mit drei Liebschaften, die durchZufall sich ergeben.

Wie die Gesamthandlung nach einem Grundplan geordnet ist, so ist auchdie Personenmasse übersichtlich gegliedert, denn sie verteilt sich nach einemgenealogischen Prinzip: auf der einen Seite die Gralsfamilie, auf der anderndie Verwandtschaft von Artus, beide aber sind vereinigt in dem Helden, Par-zival.' Personen treten nach einiger Zeit wieder auf, auf frühere Ereignissewird angespielt, und so laufen Beziehungen durch das ganze Gedicht undbefestigen den Strukturzusammenhang.

Sehr verschieden sind die einzelnen Bücher im Gewicht und im Tempoder Erzählung. Die Vorgeschichte in den beiden ersten Büchern erhebt sich mitden abgebrauchten Schilderungen von Kampf und Minne nur selten über denDurchschnitt, erst am Schluß, da mit dem Tode Gahmurets die Katastropheeintritt, steigert sich das innere Leben zu dem ergreifenden Schmerz derjugendlichen Witwe. Stark fühlbar ist ein Rhythmus der seelischen Bewegungbei den einzelnen Büchern des Hauptteils. Sehr mannigfaltig an Erzählungs-stoff und psychologischem Gehalt ist die Jugendgeschichte in B. III, wo indramatischer Lebendigkeit oft fast balladenhaft die Bilder sich ablösen, dem-gegenüber das IV. B. mit vielem leeren Ritterwesen angefüllt ist. Und sowechseln die folgenden Bücher mit tiefem und leichtem Inhalt: innerlich reichund äußerlich bewegt sind die zu sittlichen Symbolen vergeistigten Abschnitte

hatte 30 Zeilen in den Spalten einer Seite(Bartsch, Ausg. Bd. 1 S. XIX), aber viele moch-ten auch von W. selbst, dem Format seinerUrausgabe entsprechend, beabsichtigt sein.Vgl. Lachm. S. IX u. Anm. zu III. 125; Haupt,ZfdA. 11, 49 f.; C. Bock, Beitr. 11, 194 ff.;Hagen, Germ. 37,74 ff.; Heinzel, WSB. 130,11; Ludw. Grimm, Zeitgenossen S. 10 ff., da-

'!>-

zu Nolte, ZfdA. 44,24148 u. Anz. 25, 294 f.;MartinI S.XXXI1I; Hagen, ZfdA. 45, 197,dazu Roethe, ebda S. 223. 227; Helm, ZfdPh.35,199; Vyskocil s. JB. 1912, VII, 113; Schrei-ber S. 118 ff. mit weiteren Nachweisen.

1 B. VII, 338, 7. 370, 18. 388, 6 ff. 392, 20 ff.VIII, 398,4-6. 400,15ff. 424,15ff. B. IX. XI,559,9 ff.-XII, 618,21. XIII, 646,14 ff. 678, 18 ff.