§ 34. Parzival 225
Humanus ausgeht, die menschenbefreiende Kraft der Selbstüberwindung, istauch das Grundgebot des Gral: „Von der Gewalt, die alle Wesen bindet, be-freit der Mensch sich, der sich überwindet" und „Beltp des willen unverzagt" ;von der Notwendigkeit zur Freiheit durch den sittlichen Willen. Goethes „wun-derbares Lied" in seiner christlichen Kreuzesmystik ist unabhängig von Wolf-rams verborgener Märe von dem Gral. Idee und Einkleidung sind ewigerBesitz der Menschheit.
Das 19. Jh., das, durch Goethe gelehrt, die Dichtkunst als erscheinung-gewordenes Symbol der Ewigkeit erkannte, hat auch den Zauber der mittel-alterl. Mystik der Gralsage verspürt und zahlreich sind die neueren Dichter, 1die es versuchten, das Gralrätsel poetisch zu lösen. Immermann hat in seinemMerlin ein Weltanschauungsbild seiner Zeit gegeben in großgeschauter Ideen-tiefe, hineinversetzend in den Gegensatz zwischen dem Naturreich der Artus-ritterschaft und dem Gnadenreich des Gral. Aber wie zeitenferne ist dieseGeistesart der mittelalterl. Weltdeutung! „Der Gral ist ein Geheimnis, eineSchickung", aber der Schluß ist nicht die Versöhnung der beiden Reiche, vonirdischem Triebe und himmlischer Charitas in dem sittlichen Willen unverzagterEntsagung, nicht Erlösung, sondern unsägliches Leiden. Das wunderbare Myste-rium von der Erlösung hat Richard Wagner geschaffen, er hat das Mitleidzur alldurchdringenden Idee erhoben, wie in Wolframs Gedicht das christlicheGebot der erbarmenden Liebe das Leiden aufhebt. „Gesegnet sei dein Leiden,das Mitleids höchste Kraft und reinsten Wissens Macht dem zagen Torengab." Das ist Trevrizents Lehre von der erbarmenden triuwe und von demreinsten Wissen, von Gott. Die Gralsburg aber hat mit sinnendem KünstleraugeHansThoma geschaut, wie sie fern über dunkle Wälder und brauende Nebelhoch über alles Land unnahbar menschlichen Tritten in lichtem Glänze zumHimmel ragt.
§ 34. Parzival
Hss. s. Lachmann, Vorrede S. XV—XXVI; Piper S. 32—37; Martin I S. II— XLI. II S. II;Schreiber, N. Baust. S. 107 ff. Die sehr zahlreichen Hss. zerfallen in zwei Gruppen, benanntnach den Haupthss.: D, St. Gallen, Perg. Mitte 13. Jh. (enthält auch den Willeh. u. die Nibe-lungenhs. B); G, München, Cgffl. 19, Perg. 13 Jh., mit Bildern, Petzet S.33—36, die andernMünchn. Hss. ebda S. 102. 351—53 u. Reg. S. 363. Im ganzen sind etwa 70 Hss., 15 mehr od.weniger vollständige (4 von d. Gruppe D, 11 von G), die übrigen in Bruchstücken, auf uns ge-kommen, dazu der älteste Druck, Straßbg. 1477.— G: Ranke, ZfdA.55, 413ff., zu G c : Doll-mayr, ebda 58, 222—24, zu Gl: Th. Preger, 54. Jahresb. d. hist. Ver. f. Mittelfranken (1907)S. 124ff.; zu den Münchn. Hss. G,E,G k , G n ', G/> 2 ,f s. Petzet aaO.; zuD,G, G k , n: SchreiberaaO. — Scheel, Festg. an Weinhold 1896 S. 63—67; Ant. Beck, Die Amberger Parzifalfragm.usw. 1902, dazu Steinmeyer, Anz. 29, 149—51, Leitzmann, ZfdPh. 35,244 f. — Hss.verhältn.:
1 Muncker, Münchn. SB. 1902, 325—83;Wechssler, Sage v. Gral S. 84 ff.; O. Mensen-DIECK, Die Gral-Parzivalsage u. R. WagnersParsifal 1914; Golther, Ges. Aufs. S; 173—193, Gralb. S. 290-368.
Nur selten hat die bildende Kunst im MA.Vorwürfe aus Wolfr. entnommen. Ein Teppichaus d. 14. Jh. aus Braunschweig: Golther,
Deutsche Literaturgeschichte III 15
Ges. Aufs. S. 193; Martin II S. XCIV — Ver-breitet war die Sitte, den Kindern Namen ausW.s Werken zu geben, bes. inBai«rn, s. Mar-tin ebda; PANZER,Festg.f.Sieversl896,210ff.;Kegel, Hermaea 3,64ff. — Ed. Jacobs, Parz.u. Parzivalsbreite in d. Grafsch. Wernigerode,Zs. d. Harzvereins 28, 371 ff.