224 D'E ERZÄHLENDE DICHTUNG
der Parz. von Albrecht v. Scharfenberg, dem Verfasser des jüngeren Titurel,im Seifrid de Ardemont 1 (um 1280), und Ulrich Füetrer hat den Parz.in sein Buch der Abenteuer aufgenommen (um 1490).
Die Romanliteratur war ein erziehendes Bildungsmittel, so ist das Lehr-gedicht Der Winsbeke, 2 dessen Verfasser ein Landsmann Wolframs war, aufden Grundsätzen von Gurnemanz und Trevrizent aufgebaut. Auch das Lehr-gedicht von Tirol, 3 ein Fürstenspiegel, hat Stellen und Namen aus Wolframentlehnt, steht aber in seinen praktischen Anweisungen weiter von ihm abals der Winsbeke. — In Gegensatz zu allem höfischen Nimbus setzt sich dieSatire von der bösen Frau (Von dem Übeln wtbe), in der hauptsächlichWolfram als Vertreter der ritterlichen Ideale parodiert wird. 4
Was Wolfram geschaffen, lockte nicht nur zur Nachahmung, sondern auchzu unmittelbar weiterbildenden Neuschöpfungen. Sein Willehalm umfaßt nureinen Teil der Lebensgeschichte des heiligen Helden, sie wurde weiter gefühltvon Ulrich v. Türheim (der starke Rennewart, um 1247—50), durch eineVorgeschichte ergänzte den Willehalm Ulrich v. d. Türlin (zwischen 1261 und1269). Die Titurelbruchstücke wurden durch Albrecht v. Scharfenberg zu demumfangreichen jüngeren Titurel 5 ausgesponnen (vor 1272), einem der an-gestauntesten Werke der sinkenden höfischen Kunst. Und noch im 14. Jh.(1331—36) wurde der Parz. von zwei elsässischen Reimern, Claus Wisse undPhilipp Colin, durch einen, den franz. Fortsetzern entnommenen riesenhaftenEinschub erweitert.
An den Schluß des Parz. knüpft das strophische Gedicht von Parzivals SohnLoherangrin an, der Lohengrin (zwischen 1283 und 1290). Die dunkle Ge-lehrsamkeit verlieh Wolframs Parzival eine zauberumsponnene Weihe und indem Geheimnisvollen ahnte die Nachwelt verborgenes Wissen. Im Wartburg-krieg führt Wolfram mit Klingsor einen Rätselstreit über mystisch-religiöseFragen und verjagt selbst den Teufel, der ihn auf sein Wissen prüft. DieMeistersinger zählten ihn zu den zwölf alten Meistern und benannten ver-schiedene ihrer Töne nach ihm. So lebte Wolfram im 14. und 15. Jh. als ver-ehrter Meister weiter, oft zitiert und auch inhaltlich und formal — durch diebeliebte jüngere Titurelstrophe — nachgeahmt. 6
Mit dem Wiederaufleben der altdeutschen Studien im 18. Jh. wurde auchdas dichterische Interesse an der Gralsage aufs neue lebendig und Bodmerverfaßte im Anschluß an Wolframs Parzival eine Nachdichtung der Gralszenenin Hexametern (i. J. 1753. 1767, s. ob. S.213). Die ritterliche Mönchsbruder-schaft in Goethes „Geheimnissen", 7 auf dem Klosterberge Monserrat, lebtin einem geistigen Bund wie die Gralritter, und die Lehre, die von Goethes
1 Panzers Ausg. S. ClXff. u. ö.
" Leitzmann, Beitr. 13,277.14,149—52.
3 Bartsch, Germ.Stud.2,129f.; Leitzmann,Ausg. S. 3 f.
* L. Bock, QF. 33,56 ff.
5 Siehe bes. Borchling aaO.
6 Über die in niederdeutschen Städten im
14./15. Jh. u. noch lange nachher sogen. Grale,lärmende Festlichkeiten, s. Hertz S. 460ff.;Goetze, Neuphilol. Mitteil. 25 (1924), 118—124; Golther, Gralb. S. 257—65.7 Witkowski, Chron. d.Wien. Goethevereins10 (1898), 40ff.; Köster, Anz.23,369; Gol-ther, Gralb. S. 286—88.