218 Die erzählende Dichtung
von aristokratischem Standesbewußtsein, „Schildes atnbet ist min art. u Undseine ritterliche Arbeit steht ihm noch höher als sein Dichten: nicht mitMinnesang, sondern mit Schild und Speer will er den Lohn der Frauen-minne verdienen P. 115, 15—20. Trotzdem ist er von einem starken Künstler-bewußtsein durchdrungen 114, 12 f. Ritterschaft und Minne sind auch seinehohen Ziele. 1 Als Ritter huldigt er auch dem Minnedienst in seiner gesell-schaftlichen Üblichkeit (s. unten „Lieder"). Verherrlichung des Rittertums aber,das ist die treibende Kraft seines Dichtens. Sein Parzival soll kein „Buch"sein, seine Erzählung stützt sich nicht auf Literaturkenntnis, er verschmähtdie Buchgelehrsamkeit. 2 Und mit der gleichen selbstfreudigen Unwissenheits-beteuerung tritt er vor den Hörer oder Leser im Prolog zum Wh. 2, 19—22:Was in den Büchern steht geschrieben, daraus habe ich nichts gelernt, wennich Kunst besitze, so hat sie mich der Geist, „das natürliche Denken", dieIntuition gelehrt. Man hat diese Stellen ganz wörtlich genommen: ine kandecheinen buochstap 115, 27, als ob er wirklich keinen Buchstaben gekannthabe, nicht habe lesen und schreiben können. Es ist nur humoristische Über-,treibung im Gegensatz zu Hartmann, der im Eingang seines Armen Heinrichund seines Iwein gerade auf seine Gelehrsamkeit pocht, ein ritter so ge-leret was. Seine Stellungnahme gegen das Buchwissen beweist nur, daß erkeine gelehrte lateinische Schulbildung genossen hat. 3 Daß er aber im Gegen-teil einen großen Wissenstrieb besaß, das zeigt er selbst durch die Aus-breitung so vielartiger Kenntnisse und gelehrter Einzelheiten, und es wirdnicht zu bezweifeln sein, daß er wenigstens lesen gelernt hat. Französischwar ihm geläufig, er mag in Frankreich gewesen sein, aber er scherzt selbstüber seine üblen französischen Kenntnisse Wh. 237, 3—14, und es gerietenihm manche Mißverständnisse. 4
Eine ausgeprägte Persönlichkeit tritt uns in Wolfram entgegen. Er istein Eigengänger, er will anders sein als jedermann, anders auch als seineDichterkollegen. Und so zeigt er denn gern auch seine wahre Natur. Er läßtsein Eigenwesen mitsprechen, er ist offenherzig, er tritt mit seinem subjektivenUrteil hervor und mit Hereinziehung seines Interessekreises. Dichtung undLeben sind bei ihm zur Einheit verwachsen wie bei keinem andern mhd. Epiker,man spürt seine menschliche Lebensnähe in seinem formgewordenen Werke.Gern läßt er humoristisch, auch ironisch, seine eigene Stimmung durch-
Beitr. 22,77f.; Saran ebda 24, 32 ff.; Leitz-
1 Singer, Festg. aaO.; Vietor, Beitr. 46,85 ff.
2 Dieser Ablehnung der „Bücher" wider-spricht der Respekt vor den geheimen Quellenüb. den Gral in heidnischer Schrift und vorden latinsdien buodien in Anjou 452, 28 ff.Sie ist im Grunde doch nicht so ernst gemeint,ist eine scherzhafte Bescheidenheitsformel, dieja schließlich auch in ein humoristisches Bildausläuft 116,1 ff.
s Haupt bei Beiger; Wackernagel LG 2 1,136; Piper 1,15; Martin II S. IX, Rede S. 8 f.;Heinzel, Wien. SB. 130, S. 1; Lichtenstein,
mann, ZfdPh. 36,428; Rosenhagen S.554f. ;L. Grimm, W. u. die Zeitgenossen S. 1 ff. 6.13—16; Domanig, Die KulturS.280ff.; Singer,Wh. S. 4; Ehrismann, Stud. üb. Rud. v. EmsS. 13. 22; Schwietering, DemutsformelS. 43f. 46 f.; Roethe, Rede S. 7; Golther,Lbl. 1918, 89, Gralb. S. 196 ff.; SchreiberS. 126 Anm.4 Bartsch, Geun. Stud. 2,133; Lichtenstein,Beitr. 22,57; Heinzel, Wien. SB. 130, 11 ff.;Singer, Wh. S.48.81.104; FRANTZEN,8.Nederl.Philol.-congres, Leiden 1916, 109 ff.