§ 30. Hartmanns Stil und Metrik 209
daz ander... usw.; dreierlei Schmerz trug die Frau im Herzen, Missetat, Krankheit, Furcht805—30, dazu kommt noch der Tod des Bruders, so waren es vier Herzeleide 850; ein Leibin drei Erscheinungsformen 3831 f.
Formal angesehen ist auch die Stichomythie 1 (rasche Wechselrede, womöglich vonVers zu Vers) eine Reihenbildung. H. verwendet sie häufig: im Erec z. B. 4058—83. 5362—65. 6168—74. 7493—7525. 7926-43. 9027—49; im Iwein 483—95. 1805f. 2117—19. 2206-15. 2290—95. 2348-55 u.ö.; Greg. 1299-1306. 3916—24; A. Heinr. 907—11. 1260-68 (pas-send zu der Aufregung des Zwiegesprächs); 100 Verse lang ist die Reihenrede im Büchl.1168—1268.
Durch Wortwiederholung 2 wird der herrschende Begriff hervorgehoben: erbarmen(5mal) Er. 9785—98 (dazu Haupts Anm.); ähnlich hie inne (5) Er. 9545—61; gliche (12) inanaphor. Reihenaufzählung Er. 9934—39; kumber (5) Iw. 7797—802. — Zur sprachlichenKünstelei wird die Wiederholung im Wort- und Reimspiel, wobei das wiederholte Wortmeistens in verschiedenen grammatischen Formen abgewandelt ist (grammatische Figur):Er. 9249—58 slac sluoc siege usw. 8mal. Öfter im Iwein: guot muot (gemtlete) tuot (die3 Wörter zusammen 14mal) 1867—88 und 2905—11 (3Reimpaare); schaleschalcliche 6238—42;das übertriebene Wortspiel zwischen vaz und haz (auch daz baz laz besaz; Chrest. 6005—97 gibt wohl die Gedanken, hat aber nicht das Reimspiel) 7015—54, worauf der ganze Ab-schnitt beschlossen wird mit dem Oxymoron den sige kds: mit sige sigelös usw. 7069—74. ImGreg, kommt nur das eine Wortspiel von muot und guot 607—24 vor, im A. Heinr. gar keines.Parallelismus, Antithese, Wortwiederholung sind logische Stilformen, indem sie mehr aufdem begrifflichen Denken beruhen, die ästhetischen Stilformen richten sich mehr andie Phantasie. Es sind hauptsächlich die Tropen oder Figuren, die Bildersprache. Meta-phern liebt H., er häuft sie im A. Heinr. Ausgeführte Bilder und Vergleiche beleben oftseine Darstellung, sie sind aber wenig originell, und zu weit ausgedehnt hemmen sie denepischen Fluß. Bilderreich ist das Büchlein, das selbst auf einer Personifikation beruht:448—64 Bild von der Nuß, daran anschließend der Wasserkessel 465—77, Sommer undWinter 821—48, Kräuterallegorie 1269 ff. Auch der Erec ist mit Bildern reich ausgestattet,z. B. Enitens Schönheit ist wie wenn Rosenfarbe unter weiße Lilien gegossen wird 1700—06. 1712. 1716—25, ihre Schönheit überstrahlte die andern Frauen wie der Mond in dunklerNacht die Sterne 1767—83, vgl. auch 329f.; Bild vom Meer 779—97. 7061—72; von Kampfund Spiel 867—83; von der Härte des Diamanten 8427—41; anderes: 1862—69. 1879—86.5615—27. 6594—97. 6655. 6659—61. 6783—86. Seltener sind Bilder im Iwein, z.B. 1577—84. Die aus der klassischen Literatur- überkommene Stilform der Personifikation 3 ist in derhöfischen Sprachkunst eingebürgert. Ohne vrou Minne kann auch H. nicht auskommen;sie greift ein im Er. 3684—721, vgl. auch 1857—61, noch mehr, schon bei Chrestien, imIwein, und H. geht hier noch weiter: die Minne im Zwiegespräch mit dem Dichter ge-legentlich des Herzenstausches 2971—3028 (= Chr. 2639—69 ohne Personif.); gegen Chr.hat H. die Minne als Persönlichkeit auch Iw.2054—56.3249—56, s. auch 1335-37. 1419-21.1519—21; in Übereinstimmung mit Chr. 1537—92. 1605-53 (= Chr. 1356 ff.). 7015—54(= Chr. 6013 ff.). Andere Personifikationen r'vrou Scelde Er. 3460. 9899—902, Greg. 1697—1706, vrouwe Soelicheit Greg. 1235—37, Saide — Unscelde Greg. 2562—69, Unscelde Iw.4449—52; vr. Armuot — Rlcheit Er. 1579ff., fr. Melde Er.2516—20 (s. dazu Haupts Anm.);diu Gefuoge Er. 7541.
H.s mehr theoretische als anschauliche Gedankenbildung verbindet leicht den einzelnenFall mit dem Allgemeinen, an das einmalige Ereignis knüpft er gern eine allgemeine Be-trachtung, eine Sentenz. 4 Allerdings ist ihm schon Chrestien mit der Einflechtung von
1 W. Grimm, Kl. Sehr. 3,246.
2 Behaghel, Beitr. 30, 431 ff.
3 Mhd. Wb. unter ere, minne, scelde u. a.;Schmuhl S. 24 f.; Roetteken S. 79 ff.; Rich.
Deutsche Literaturgeschichte III 14
Galle, Die Personif. in d. mhd. Dicht., Leipz.Diss. 1888. — J. Grimm, Mythol. 4 S. 733 ff.* W. Weise, Die Sentenz bei H. v. A., Marbg.Diss. 1910; F. C. Lorenz, Üb. d. lehrhafte Ele-