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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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§ 30. Hartmanns Stil und Metrik . 207

in einen Nebensatz der geleret was). H.s formal geschultes Talent undseine pünktliche Beobachtung der sprachlichen Norm tritt besonders darinzutage, daß er Doppelformen im Reime meidet, d. h. er gebraucht, wenndie Dichtersprache zwei Formen für das gleiche Wort bot, nur eine einzigeoder er drängt beide zurück (z. B. began und begunde).

Die Satzbildung 1 ist einfach. Nebenordnung und Unterordnung wechselnab. Im Erec überwiegt noch etwas die Beiordnung (Nebenordnung), währendsich im Iwein beide die Wage halten. Manchmal treten kurze Sätze mitlängeren in Gegenwirkung.

Charakteristisch für H.s Gedankenstilisierung ist die ordnende Gliederung,die sich formal darstellt als zwei- oder mehrgliedriger Parallelismus, logischals Beiordnung der Begriffe wobei beide-eine Synthese oder eine Anti-these bilden können; oder als Unterordnung der Begriffe unter einen Gesamt-begriff. Die Grundlage für diese systematische Denkweise erhielt er in derDialektik der Schulmethode, sie eignet auch der Predigt und dem theo-logischen Traktat. 2 Die bei ihm so häufige antithetische Formulierung derparallelen Anordnung (antithetischer Parallelismus) entspricht zugleichdem auf Gegensätze gegründeten Inhalt seiner Werke, besonders der beidenreligiösen.

Der einfachste Parallelismus, die Zweigliedrigkeit von Worten, mit und oder oderverbunden, begegnet bei H. sehr häufig: Synonyma oder zusammenstimmende Begriffe wieledic unde blöz, riuwec u. unvrö, lanc u. breit, sdicene u. wlt, trüebe u. naz ; oder gegen-sätzliche wie gröz u. kleine, alte u. junge, lebende ode tot. Vier Verse von je einem Wort-paar Iw. 646467. Längere Parallelreihen (Aufzählung, Häufung): Erec mustert 20 der80 trauernden Frauen, eine dünkt ihn immer schöner als die andere (Steigerung, Klimax),H. markiert sie pedantisch durch Numerierung einiu, diu ander, diu dritte usw. Er. 826188. Häufung auch: stein nodi stec, gebirge noch walt, ze heiz noch ze kalt, ruh u. enge,wallen u. klimmen, waten u. swimmen Greg. 8292; teilweise mit Anapher: wis getriuwe,wis sta>te, wis mute, wis diemüete usw. Greg. 24858, auch 86468; asyndetische Häu-fung: rot, grüene, wlz, gel, brün, geworht sinwel Er. 8924. Kunstvoll ist das FestgewogeIw. 6272 in der Sprache nachgebildet durch kurze Sätze, die anaphorisch einsetzen mitgliederndem dise, wobei immer zwei Verse im Gegensatz stehen, je nach der galanten oderder ritterlichen Beschäftigung, mit zusammenfassendem Abschluß 7476. Ähnlich gebautist die anaphorische Reihe Iw. 620105.

Sehr häufig bewegen sich H.s Gedanken in antithetischem Parallellauf: ntt u. haz gegentriuwe u. stcete Er. 149597; weder ze nider noch ze, weder ze kurz noch ze lanc, wederze gröz noch ze kranc 734143 und gleich darauf 734648. Die Begriffe rieh arm sindweiter ausgeführt in der Allegorie von der frouwe Armuot und Richeit Er. 157989, unddasselbe Thema e wärt ir arm, sit ir rieh ist mit besonderer Ausführlichkeit hervor-gehoben unter elfmaliger Wiederholung der anaphorischen Gegensatzworte e Er. 647194. Nach dem Schema des Predigtstils, auch hinsichtlich der gliedernden Formeln ver-nemet u. a., ist die Schilderung der fünf alten und fünf jungen Könige eingerichtet (pedan-

M/

1 Fr. Karg, Hypotaxe bei H. v. A., Festschr.f. Sievers 1925 S. 445-77.

2 Predigtstil: Augustinus, De doctrina Christ.B. IV, bes. Cap. 10. 11. 26, 2 f.; HrabanusMaurus, De clericorum institutione B. III Cap.28 ff., bes. Cap. 30; Alanus de Insulis, Summa

de arte praedicandi Cap. I, Migne 210,111 ff.;Surgant, Manuale curatorum, Basel 1502.1508; Cruel, Gesch. d. dt. Predigt im MA.,bes. S. 595ff. Martin Grabmann, DieGesch.d. scholast. Methode.