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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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204 DlE ERZÄHLENDE DICHTUNG

ganz wieder im Sinne einer realistischen Lebensgestaltung, mit einer glück-lichen Heirat. Im A. H. gibt H. seine wahre Stellung im Verhältnis zu Weltund Gott. Im Gegensatz zu der einseitig kirchlichen Richtung im Greg, istes die tüchtige Laienmoral: seine Pflichten gegen Gott und gegen denLebensberuf zu erfüllen, nach süezem lanclibe do besäzen si getieftedaz ewige rlche 151416. Alle vier epischen Dichtungen H.s sind ethischbezogen und haben gleichen inneren Verlauf: der Held verläßt die ihm ge-setzte Ordnung, dadurch gerät er in Schuld, von der er sich durch Be-währung seines ursprünglich guten Charakters wieder herstellt. Von den beidenPolen Schuld und Sühne wird die moralische Handlung bestimmt.

Hartmanns Armer Heinrich ist ein Meisterwerk der mhd. Erzählungs-kunst. Der Dichter beherrschte den Stoff und formte ihn zu einem einheit-lichen Organismus, dessen Glieder in sich und im Verhältnis zum Ganzenein wohlgeordnetes Gesamtbild ergeben. Es wird hier deutlich, daß diemittelalterl. Dichter doch nur kürzer angelegte literarische Formen völlig zudurchdringen und in richtigen Maßen zu halten vermögen. Die Stoffmassender großen Epen, die durch Aneinanderreihen von Abenteuern, durch Er-weiterungen und Motivwiederholungen zu ihrem erheblichen Umfang auf-gebauscht sind, schlottern wie weite Gewänder um die leibliche Substanzdes Romangebildes. Hier, in dem engeren Rahmen einer Novelle, hemmtnicht die Hypertrophiehöfischer Partien" die natürliche Entfaltung der Dinge.Selbst die große Rede des Mädchens 663854 lassen wir uns an dieserStelle gefallen, denn sie bildet den Höhepunkt der inneren, religiösen Handlung.

Mit weiser Mäßigung hat H. die Grenze zwischen Realismus und rohemNaturalismus eingehalten. Zu einer Ausschlachtung des Häßlichen bot derStoff reichlich Gelegenheit, aber H. sagt gar nichts über die abstoßendenSymptome der Krankheit. In den einen Satz, in die rein sachlich medi-zinische Diagnose in ergreif diu. miselsuht 119, ist das Schrecknis des Siech-tums zusammengeballt und nur die Wirkung auf die Umwelt hält dem Leserdas ganze Elend des Unglücklichen vor Augen. Die chirurgische Behandlungdurch den Salerner Arzt ist dagegen genau beschrieben (108597. 120421) und eben dadurch wird die Zeichnung der Charaktere, des Mädchens,des Ritters, des Arztes, gehoben.

Goethe verursachte die Lektüre des Gedichtes, das er in Büschings üblerErneuerung las (Annalen 1811),physisch-ästhetischen Schmerz":den Ekelgegen einen aussätzigen Herrn, für den sich das wackerste Mädchen opfert,wird man schwerlich los". Das MA. war ihm nicht innerlich verwandt,hier hatte sich eine alles verwandelnde Zeit dazwischen gelegt". 1 WasHartmann gerade sorgfältig verhüllte, das Ekelhafte der Krankheit, das schufer mit seinem alles plastisch sehenden Auge sinngreiflich nach. Die mittel-alterl. Gedankenwelt lag ihm zu ferne .und so sah er in der Todeshingabe

1 Wack.-Stadler S. 237 f.; Burdach, Anz. 12, 199.