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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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§ 29. Der Arme Heinrich 203

Alle irdischen Regungen sind in ihr erstorben und die Sehnsucht nach demHimmelsbräutigam ist mächtiger als die Sorge um die armen, verlassenenEltern. Das Wunder ist die Atmosphäre, die dieses schon über der Erden-welt schwebende Wesen umgibt, der heilige Geist hat sie erfüllt mit Weis-heit und flammender Beredsamkeit. Das Natürliche ist in diesen Momentender Exstase abgestreift im Triumph jenseitiger Vergeistigung.

Aber unter den Himmelsphantasien des erdentrückten Mädchens geht dasnatürliche Leben mit seinen sozialen Einrichtungen und Alltagsbedürfnissen.Nebeneinander liegen Wunderwelt und Wirklichkeit. Aus keiner Dichtungder mhd. höfischen Epik spricht so unmittelbar das wirkliche, gegenwart-erfüllte Leben. Die Familiengeschichte hat ein ausgesprochen historischesund lokales Gepräge. Eben dadurch wird der Eindruck des Tatsächlichenverstärkt, daß der Name und die Heimat des Helden gleichsam urkundlichangegeben werden (31 f. 48 f. 1419 ff.), ja daß er dem Herrengeschlechtedes Dichters selbst angehört. Wir werden in eine Umgebung geführt, inder Hartmann selbst lebt. Von der wunderbaren Genesung abgesehen könntesich fast alles wirklich so begeben haben, wie es erzählt ist: die Standes-verhältnisse, 1 der Aussatz und die Absonderung, das Aufsuchen der be-rühmtesten Ärzteschulen, das Leben auf dem Pächterhofe, das Kinderidyll,der bäuerliche Vorstellungskreis der Tochter (74798), höfische Züge wiedie ritterliche Reiseausrüstung (102026), die gute Lebensart des Ritters(133841), dann der Empfang bei der Rückkehr in die Heimat (das Lobder Schwaben J.41927, vgl. Iwein 2693 f.), die Berufung der Magen undMannen in der Vermählungsfrage. Gegen die Heirat des hohen adligen Herrnmit der Bauerntochter bestand kein Rechtshindernis, da sie freier Herkunftwar (269. 1497), aber doch war es immerhin eine Mißheirat. 3

Wie im Stoff des Greg., so kreuzen sich also auch im A.H. zwei poetischeVorstellungskreise: der Greg, ist eine Legende in höfisch-romanhafter Um-welt, der A.H. eine historische, also in die Wirklichkeit versetzte Sage mitlegendenhaftem Einschlag. Bei der geschichtlichen Auffassung und in dembäuerlichen Lebenskreise ist kein Platz für höfische Romanmotive, Helden-taten, Abenteuer, Frauendienst. Die Erzählung verfolgt gerade den Zweck,die oberflächlich höfisch-weltmännische Konvention herabzusetzen. 3 Diesittliche Idee ist in beiden Werken die gleiche: von der Weltschuld zu GottesGnade. Aber die Läuterung des aussätzigen Ritters zu barmherziger Selbst-entsagung ist innerlicher, sittlich tiefer und menschlich wärmer als das mönchisch-asketische Bußmartyrium des guten Sünders. Im A. H. ist das Ziel die Ge-staltung des Lebens, im Greg, seine Überwindung. 4 Der Sieg über das Lebenund über den Tod verleiht jeder Legende einen freudig triumphierendenAusgang, freudvoll ist auch der Abschluß der Leidenszeit im A. H., aber nun

^CHöNB.S.SOSff.; Schulte, ZfdA.41,264f.2 Wackern. zu 1497; Schönb. S. 30615;Schulte aaO.

3 Piquet S. 279 f.

4 Vgl. Jodl, Gesch. d. Ethik 2 S. 128.