202 Die erzählende Dichtung
das nicht nur in guot und weltlicher ere besteht, sondern in der Huld Gottes(1430—36).
Die reine Jungfrau, die durch ihre triuwe 1 den weltschuldigen Herrn rettet,ist die ethische Zentralsonne des Gedichts. Güete ist die angeborene Wesens-eigenschaft des Kindes: si hete gar ir gemtlete mit reiner kindes güete anir Herren gewant (321 ff. 305. 310. 466. 522). Mit der güete verbunden bringtdie triuwe, die barmherzige Nächstenliebe, Charitas (574. 942. 1001. 1356)das Wunder der Erlösung hervor. Aber die triuwe selbst ist erst eine Fruchtdes heiligen Geistes, von Gott kommt ihr der Wille zur Hingabe ihres Lebens(855—74. 1036-40, auch 693—97). Ethisch bewertet ist also das Gedichtein literarisches Beispiel für das Prinzip der mittelalterl.-christlichen Ethik:alle guten Handlungen des Menschen sind das Werk der in ihm wirkendenGnade Gottes. Ein Gnadenwunder ist die Erleuchtung der Jungfrau zumErlösungsopfer, und ihre sittliche Kraft bewirkt die Seelengenesung des Herrn,denn ihre triuwe erzeugt auch in ihm die triuwe und schafft das Wunderseiner leiblichen Heilung. Treue um Treue. Beide haben die Probe bestanden,denn das über sie verhängte Geschick war eine Prüfung Gottes (1353—70).Das Blutopfer selbst wird nicht vollzogen, die Rechtfertigung liegt in demrein innerlichen Vorgang der triuwe, die das Kind von jeher besaß und zuder der Ritter sich emporgeläutert hat. 2
In dem transzendenten Weltbild 3 wurzeln die religiösen Gedanken dergotterfüllten Jungfrau. Sie kann sich nicht genug tun, ihrer Weltverachtungund Himmelssehnsucht Worte zu leihen. In schärfsten Gegensatz stellt siedie lockenden Scheinfreuden der Welt gegen die glänzende Himmelskrone(688—736. 775—98. 1289-1382, auch 688 f. Teufel und Gott, 690—99Weltlust und Hölle).
Der legendarische Gehalt ist zusammengefaßt in der Person der Heldin
des Gedichtes. Sie ist in Wirklichkeit eine Heldin, eine christliche Heroine,
die den Märtyrertypus einer Heiligen trägt. 4 Schon ihr kindliches Spiel war,
ihr selbst unbewußt, ein Liebeswerk der Barmherzigkeit und in exstatischer
Verzückung drängt sie zur himmlichen Glorie, als ihr der Weg sich öffnet
zur Darbringung des größten Liebesopfers, zur Hingabe des eigenen Selbst.
Qottesstaates, geworden. Die Eltern sind Kin-der des Gottesreichs (sie haben triuwe 985 f.1015); auch der Arzt, denn er schreibt dieMacht zur Heilung Gott zu 204, er hat Er-barmen mit dem Mädchen 1201. 15. DasMädchen war stets ein gottbegnadetes Kind.4 Ehrismann, Festschr. f. Kelle.—Die Sprachedes A. H. ist überreich an Bildern (s. unten,Stil'), deren meiste der Bibel oder kirchlichenSchriftstellern entnommen sind, SchönbachS. 130—55.191 ff. 204-06. Auch die lat. Zi-tate gehören zum Legendensiil,PiQUETS.280,und der Abschluß mit amen wie im Greg.,Schönb. S. 79. Der Schluß der Hs. B a B b istganz mönchisch: die Vermählten gehen sofortins Kloster, s. Wack.-Stadler S. 243.
1 Wenn man eine geheime irdische Liebedes Mädchens zu dem Herrn mitsprechenläßt, bringt man moderne Empfindungsweiseund ein uns beliebtes Romanmotiv in diem.alterl. Legende und zerstört die einheit-liche Größe der gottbegeisterten Frömmig-keit; Cassel, Weim. Jahrb. S. 460; Burdach,Anz. 12, 199 f.; Ehrismann, Festg. f. Kelle;Stadler bei Wack.-Stadler S. 242.
2 Der Wille, nicht die Handlung ist ent-scheidend zum sittlich Guten, die Gesinnung,daz gemilete 1038. 1209, muot 1235.
3 Johannes Fiebach.D. dualist. Weltanschau-ung im A. H., Beitr. 44,279—88: Heinr. ist ause. civis diaboli, des Weltstaates, der der su-perbia verfallen war, zu e. civis Dei, des