§ 29. Der Arme Heinrich
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der niederen Region der Natur an, der legendarische der oberen des Geistes.In der Wandlung des Helden 1 vollzieht sich bildhaft dieser metaphysischeAufstieg von der Welt zu Gott, moralisch formuliert: vom Fall zur Erhebung,von der Schuld zur Entsühnung. Der Ritter Heinrich besitzt alle preiswertenweltlichen Eigenschaften, Gut und Ehre, er hat ein Wunschleben der Welt-wonne 387.393, aber das höchste Gut, Gottes Huld, ist in diesem glänzendenTugendspiegel eines Weltmannes nicht vertreten. Die eine, wichtigste, die wirk-lich sittliche Tugend fehlte ihm, die demütige Frömmigkeit: er hat getan, wiealle werlttören, die meinen, daz si ere unde guot (die Tugenden des Hone-stum und Utile, s. oben Einl.) äne got (ohne Gottes Huld) mügen hän 392—403, er hat Reichtum und Glück seinem eigenen Verdienst zugeschriebenstatt der Gnade Gottes. 2 Das ist die Schuld des Herrn Heinrich, der Hoch-mut (der sündhafte höhe muot, der Ehrgeiz 82) und der moralische Anstoßzu der Handlung. Somit verläuft die sittliche Entwicklung des Gedichtes indrei Lebensstufen des Helden, deren erste, das Wunschleben (1—80) einjähes Ende nimmt: zur Strafe {räche 409) für sein törichtesWeltstreben (383—411,eine nachträgliche -Begründung für seinen Sturz) verhängt Gott den Aussatzüber ihn. Damit ist er in ein zweites Leben eingetreten, in ein Dasein desElends (81—1352), aus dem er sich durch Prüfungen sittlich emporarbeitet.Das Schwergewicht der Handlung ist in diese zweite Lebensstufe, in dieLäuterung, verlegt. Sie beginnt erst allmählich in ihm zu keimen. Bitterempfindet er, der an Ehrung Gewöhnte, die Mißachtung der Welt, er hatnicht die entsagende Geduld Hiobs gefunden. Erst als ihm alle Hoffnungauf Heilung geschwunden ist, beginnt sein innerer Umschwung. In dreiAkten der Frömmigkeit geht der Aufstieg von der Welt zu Gott, von derHoffart zur Demut: % den Anfang macht das äußerliche Verdienst guter Hand-lungen, die wohltätige Verwendung seines Vermögens (246—58); eine höherehat er erreicht durch die Erkenntnis seiner Schuld, der. Hoffart (383—417);die völlige Reinigung von seiner ehemaligen Weltlichkeit erlangt er durchdie schwerste Leistung, den vollen Verzicht auf Lebensglück (1225. 1233—56) und demütige Hingabe an Gottes Willen (1276. 1352). Vor der Tür desArztes, als er den jungen süßen Leib zum Blutopfer ausgestreckt sieht, gehtin ihm die Wiedergeburt des inneren Menschen vor, er gewan einen niwwenmuot 1235, er wandelte sein altes Wesen, die Selbstsucht, in eine niuwegäete, in ein neues, ein reines Gutsein. Das Erbarmen mit dem Kinde, dasihm sein Leben zum Opfer bringt, ist ein Zeichen, daß die triuwe von seinemHerzen Besitz genommen. Damit ist er innerlich reif geworden, die GnadeGottes zu empfangen (1385 f.), aus dem armen Heinrich ist der guote herreHeinrich geworden (1372). Er hat den Zustand seines ersten Glücks wiedererlangt (1353—Schluß), jetzt aber der stceten ere und des wahren Glücks,
1 Religion und ethischer Gehalt:ScHÖNB. 73-79. 130—56. 191 ff. 204—06.451—54; Ehrismann, ZfdA. 56, 188—94;
Ders., Prager dt. Studien, Festschr. f. Kelle,1908.2 Vgl. ob. Erec 1085—96.