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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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Die erzählende Dichtung

In H.s Darstellung ist das Aussatzmotiv zu einer Familiensage verarbeitet.Es ist ja doch ein ganz gewöhnlicher literaturgeschichtlicher Vorgang, daßallgemein verbreitete Sagen, Märchen, Legenden usw. auf bestimmte Per-sönlichkeiten übertragen werden (die Aussatzsage z. B. auf einen Ritterv. Schlüsselberg, v. Haigerloch). Die Veranlassung zur Festlegung dieserSage auf einen Vorfahren von H.s Herrengeschlecht liegt aber im Dunkel,denn seine Quellenangabe im Prolog ist unklar. 1 Der Prolog ist ein sitt-liches Bekenntnis des Dichters, die Aufgabe, die er sich in diesemWerke gestellt hat, ist: Gott dienen und den Menschen wohltun. Ewigkeitund Erdenpflicht vereinigen sich in seinen den Sinn des Daseins suchendenGedanken, das Lebensgefühl ist mit dem Gottesgefühl eins. Er kennt dasviele Menschenleid, aber er weiß auch, daß Gottes Gnade unergründlich ist.Dafür ist das Schicksal desarmen" Heinrich ein Beispiel, der nach schwerstenStunden der Hoffnungslosigkeit Trost und Heilung gefunden hat.

In seinen beiden religiösen Dichtungen hat H. ein anders gestimmtes Publi-kum im Sinn als in den beiden Artusromanen, er spricht zu Menschen, diereligiöses Bedürfnis haben. Hier hat er darum auch die formelhafte Bitteum Beihilfe für sein Seelenheil anbringen können (im Greg, am Schluß,im A. H. im Eingang). Aber das Einleitungsprogramm des Greg, ist erfülltvon der persönlichen Sündenangst um die eigene Seele, das ist diu grözeswcsre, die er verringern will Greg. 38; im A. H. dagegen will er swcere stundeder Nebenmenschen erleichtern und will ihnen ein Wohlgefallen sein: 2 dasist die Sprache der ritterlichen Ethik, die auch das Diesseits in Betrachtkommen läßt.

Der A.H. ist eine erbauliche Erzählung, eine Legendennovelle mitdem doppelten Zweck, Andacht zu erwecken und Unterhaltung zu bieten.Das Gedicht nimmt in der Abstufung vom Reich des Geistes zum Reichder Natur eine Mittelstellung ein zwischen dem Gregor und dem Iwein:es hat teil an beiden Sphären der Wirklichkeit, der weltliche Gehalt gehört

1 Er hat nach V. 29 die Geschichte als dasErlebnis eines Herrn Heinrich v. Aue gelesen.Aber warum hat er sie erst aus einem Buchekennen gelernt, da sie doch von seinem Her-rengeschlecht handelte und ihm also dochbekannt gewesen sein mußte? Und weshalbhat er erst vorher in verschiedenen Büchernnachgesucht? (vgl. Klapper, Progr.S. 32). DieBedenken lösen sich am ehesten bei der An-nahme, daß H. wirklich nach einem erbau-lichen und tröstlichen Stoffe suchte und die-ses oder ein ähnliches mcere in der Tat inirgendeiner Mirakel- oder Exempelsammlunggefunden hat, das er dann für ein Erlebnisin der Geschichte seines Herrenhauses aus-gab. Die Personalbestimmung am Eingangder Erzählung 29 ff. entspricht der Eingangs-formel in einem großen Teil dieser Geschicht-chen, wie z. B. Legitur quod (erat) quidamcomes (nobilis, miles). Ganz ähnlich beginnt

die Historia infidelis mulieris (Schönb., Rud.v. Schlüsselbg. S. 2 [Anf. 13. Jh.]): Erat olimin Franconie partibus miles quidam, nomineRudolfus de Slusselberg (= wie ein herrewcere ze Swäben gesezzen 30 f.), qui et ar-morum excellencia et suorum precellebat ortunatalium et diviciis affluebat (er hete ze sinenhanden geburt und dar zuo rlcheit) exhabun-dancia facultatum (ouch was sin tilgend vilbreit). Wollte H, indem es dieses Treu-wunder auf die Familie seiner Lehensherrenübertrug, der unstandesgemäßen Heirat einesfrüheren Gliedes eine höhere Weihe geben?(Wack.-Stadler S. 234 f.; Schulte, ZfdA.41, 268). Die ganze Quellensuche von V. 6an wird man nicht gern als bloßfingierteQuellenangabe" preisgeben wollen.2 d. i. zunächst den religiös Empfänglichen,Schönb. S. 439.