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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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§ 29. Der Arme Heinrich

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liehen Sittengesetzes. Auch in diesem Sinne ist der Aussatz von der Kirchemoralisierend gedeutet: er bezeichnet den Eigenwillen, die superbia, undmahnt zur Demut, zur humilitas.

Über seine Quelle macht H. im Prolog eine allgemeine Andeutung: erwill eine rede (poet. Erzählung) diuten (veröffentlichen), die, bzw. deren Stoff,er (in einem Buche) geschrieben fand. Wahrscheinlich war diese geschriebeneErzählung ein kurzes lateinisches Stück in einer Sammlung von Legenden,Mirakeln, kleineren Geschichten, wie sie im MA. besonders zu belehrenden,erbaulichen, moralisierenden Zwecken angelegt wurden. 1 Insofern solche Er-zählungen speziell als Beispiele für irgend welche Themata in den Predigtengelten sollten, hießen sie Exempla, auch Predigtmärlein. In der Tat findetsich eine kurze lat. Fassung der Sage vom A. H. in zwei Breslauer Exempel-sammlungen aus dem 14. und 15. Jh., die aber auf ältere Sammlungen des13. Jh.s zurückgehen. Die beiden Fassungen A und B (diese kürzer als A)unterscheiden sich nicht in wesentlichen Punkten. 2 Dieses Exemplum stehtauf einer niedrigen Bildungsstufe und ist eben für das Durchschnittspublikumeiner Sonntagspredigt berechnet. Der Grund, welcher die Jungfrau zu ihremOpfer bewegt, daß sie gerne für den vornehmen Herrn stirbt, ist die Er-innerung an Kleider, die er ihr einst durch ihren Vater gegeben hat. DieMeiersfamilie fehlt. Der Ritter, Henricus pauper in B, heißt in A Albertuspauper. 3 Diese oder eine ähnliche kurze Erzählung wird H. gelesen und fürsein Gedicht als Grundlage benutzt haben. 4 Nur die notwendigsten Stoff-elemente hat er vorgefunden und das in der Aussatzsage selbst liegendegeistliche Thema der Barmherzigkeit. Jedenfalls hat erst H. den nacktenBericht zu dem ergreifenden Lebensbilde ausgestaltet, ihm seelische Be-gründung verliehen und mit tiefem Gemüt und religiöser Wärme erfüllt.

1 Dieverbreitetsten: DieVitaepatrum; Gre-gors d. Gr. Dialogi; Petrus Alfonsus, Disci-plina Cleric. (um 1420, s. ob.); Caesariusv. Heisterbach, Dialogus miraculorum, um1220; Jacobus de Vitriaco, Sermones vulgares,vor 1240 (ed. Crane) ; Vincenz v. Beau-vais (Vincentius Bellovacensis), Speculumhistoriale, um 1250; Thomas v. Chatimpre(Cantipratensis), vor 1280; Legenda aurea desJacobus a Voragine, vor 1280; Hugo v. Trim-berg, Solsequium, um 1280; Gesta Romano-rum, Auf. 14. Jh.; Die 7 weisen Meister; DerSeelen Trost. Pfeiffer, Predigtmärlein,Germ.3,40744, Ad. Leseb. S. 19199,From-mannsDt.Mundartenl85456;GREiFF,Germ.18, 353f.; Schönbach, Die Reuner Relatio-nes, Wien. SB. 139 Nr. 5 S. 2 ff.; Klapper,Exempla aus Hss. d. MA.s, Heidelbg. 1911;Hilka, Neue Beitr. z. Erzählungslit. d. MA.s(die Compilatio Singularis Exemplorum d. Hs.Tours 468 usw.), 90. Jahresber. d. Schles. Ges.f. vaterl. Cultur 1913; Carl Reinholdt, DieWundergeschichten des Cod. Pal. germ. 118,Greifsw. Diss. 1913, dazu Hilka, Archiv 139,26163; Margaret D.Howie, Studies in the

use of exempla. Lond. 1923; Klapper, Mer-ker-Stammlers Reallexikon d. dt. Lit.gesch. 1(1925), 33234 (mit reicher Lit.). Gesch. d. Pre-digt: Cruel S.251 ff.; Linsenmayer S. 177 ff.

2 Hgb. v. Klapper, Erzählungen des MA.sNr. 6 S. 233 f., übersetzt S. 22 f.; Ders., DieLegende vom A.H., Progr. Breslau 1914; Bae-secke, Wissenschaftl. Forschungsber. 1919,S. 125. Ueb. d. NamenArmer Heinrich':Br. Grimm, Ausg. S. 208 ff.; Wack.-StadlerS. 235f.; Cassel, Symbol. S. 228ff.

3 Anfang in A: Pulcrum de leproso curato.Non est melius medicamentum lepre spiri-tualis quam benignitas et misericordia.Legitur quod fuit quidam miles strenuuscirca Rerum Albertus nomine; in B: DeMisericordia. Comes quidam strenuusnomine henricus.

4 Der Beweis, daß das lat. Exemplum nichtsekundär erst aus H.s Gedicht ausgezogenist, liegt in einigen Stellen, die es mit dembibl. Buch Hiob gemein hat und die nichtaus H. stammen können, s. Klapper, Progr.S. 31 f., daselbst S. 2631 Vergleich desExempels mit H.s Gedicht.