196 Die erzählende Dichtung
den Vaters um die verlassenen Kinder 203—13; das Trennungsleid, das demBruder das Herz bricht 830—52; wie das Kindlein in der Tonne den Abtanlacht 1035—39; wie der Abt und Greg, beim Abschied sich mit den Augenverfolgen, bis sie sich nicht mehr erblicken können 1817—24.
Auch die Charakterisierungskunst hebt die Lebensfülle. Die Menschensind lebensnäher als die der Artusromane, trotz der außerordentlichen Schick-sale und der Legendenwunder. Wir haben den Eindruck, daß der Heldwirklich so war und so werden mußte. Er wird in den Zwiespalt zwischenangeborener Natur und aufgedrungener Lebenslage versetzt, die Stimme desHerzens ist entscheidend zu seinem Fall, aber unentwegt steht von Kindes-anfang an seine sittliche Überzeugung fest, das ist die Frömmigkeit, undauch im Weltleben stellt er sich in den Dienst christlicher Ritterpflicht zurHilfe für die Schwachen. Seit er seine sündhafte Geburt erfahren, lastet aufihm die Tragik unverschuldeten Leidens, aber er überwindet sie durch dasheroische Selbstopfer seines Märtyrertums.
Mehrfach dient das technische Kunstmittel des Gegensatzes zur Heraus-hebung der Charaktere. Der Bruder ist weich und erliegt seinem Verhängnis,die Schwester, energisch und lebenstüchtig, hält ihn aufrecht: gehabe dic/ials ein man, lä din wtplicli weinen stän 466 f. Ein Gegensatzpaar bildenauch die beiden Fischerbrüder: der eine was arm, der ander rieh 1063;und der rohe Fischer mit seiner gutherzigen Frau, der unguote man 3019,daz guote wip 2835 ff. 2887 ff. 3065 ff. Der höfische Aristokratismus trittdabei zutage, der das Volk durch sein pöbelhaftes Benehmen niedrigerstellt, hier wie bei dem Geschimpfe des ersten Fischerweibes 1306 ff. Indesauch H.s persönliche Menschenfreundlichkeit bewährt sich hier, indem erden rohen Fischer sich reuig bekehren läßt. Die sympathischste Gestalt aberist der Abt, der getriuwe man 1739, der triuwen veste 1756, mit seinerunendlichen Liebe und Geduld und seinem offenen Verständnis für das mensch-liche Herz, der seine Güte,auch dem noch bewahrt, von dem er zurück-gestoßen wird.
§ 29. Der Arme Heinrich
Lit.: Piper, Höf. Ep.2, 84—86. — Ausg.: Chr. H. Myller, Sammlung dt.Ged. I (1784),197—208 (Straßbg. Hs.); Brüder Grimm, D. a. H. von H. v.d. Aue, aus d. Straßbg. u. Vatikan.Hs.,Berlin 1815; Lachmann, Auswahl(1820) S.l— 52; Wackernagel, Ad.LB.I (1835), ö.Aufl.1873 Sp. 523-62; Wilh. Müller, Gott. 1842; Haupt, Lieder u. Büchl. u. d. a. Heinr. vonH. v. A. 1842, 2. Aufl. v. Martin 1881; Wackernagel, D. a. H. Herrn H.s v. A. u. zwei jüngereProsalegenden verwandten Inhalts, Basel 1855, dazu Pfeiffer, Germ. 1, 126—28; Bech, Ausg.Teil 2, 3. Aufl. 1891; Bernh. Schulz, 6 Lieder u. d. a. H., Leipz. 1871; Müllenhoff, Ad.
Sprachproben, 3. Aufl. 1878, Sp. 136—52; Wackernagel, Der a. H ___ usw. mit Anm. u. Ab-
handl. hgb. von Wilh. Toischer, Basel 1885, dazu Burdach, Anz. 12, 189 ff., Martin, DLz.1885 Nr.31; neu hgb. von Ernst Stadler, Basel 1911, dazu Schröder, Anz.35, 278 f., Leitz-mann, ZfdPh.44, 369f., Ehrismann, Lbl. 1913, 321 f.; Paul, Ad.Textbibl. 3, Halle 1882,dazu Toischer, Lbl. 1882, 453—55, 6. Aufl. 1921; Piper, Höf. Ep. 2, 86—125; John G.Robertson, D. a. H ___ edited..., London 1895 (engl.); Erich Gierach, Germ. Bibl.3, Heidel-berg 1913 (grundlegende textkrit. Ausg. mit d. gesamten Oberlieferung), dazu Helm, Lbl. 1915,