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§28. Gregorius 195
Darauf geht die Handlung wieder über in das Weltleben und läuft nach dessenAbschluß mit dem Bußgang Gregorius' in das legendarische Element aus.Hier herrscht das Wunderbare. Aber das Wunder ist ja in der Anschauungder gläubigen Seelen ebenfalls Wirklichkeit und wir erleben die siebzehn-jährige Marter und die Erhöhung zum Papste mit als eine höhere Stufe derRealität.
Unter den Werken H.s hat der Gregorius die umfassendste kultur- undreligionsgeschichtliche Weite. Nicht nur die Aristokratie, sondern auchein Stück Volksleben kommt zur Geltung. Mehr auch als sonst läßt der Dichtereigene Stimmung und Lebenserinnerung mitsprechen. Aus der Erfahrungheraus schildert er des Gregorius Studiengang 1173—97 und überhaupt magviel persönliche Erinnerung Hartmanns bei der Schilderung des Klosterlebensnachklingen; und besonders in der Ritterfreudigkeit des Helden glaubenwir ein stilles Bekenntnis von H.s eigenem Trieb zu verspüren. Und sowäre schließlich das Bußgedicht ein Wettstreit zwischen den beiden Lebens-führungen, dem Rittertum und dem Mönchtum, dem „tätigen und dem be-schaulichen Leben", wobei die Neigung den Dichter zum ersten Zustand,die Pflicht zum zweiten zieht und wobei dem zweiten, der Geistlichkeit, diehöhere Seinsstufe zuerkannt wird. 1
Hartmanns Gregorius als Dichtung. In der Anlage eines bio-graphischen Romans wird das Leben des Helden erzählt von den merk-würdigen Umständen seiner Geburt an, zuweilen mit genauen chronologischenDaten, bis zu seinem Lebensende. Sein Geschick ist unauflöslich mit demseiner Mutter verbunden, darum sind auch seine Eltern in einer Vorgeschichtemit einbezogen. Es entwickelt sich wie eine antike Schicksalstragödie. Inchristliche Vorstellungen übertragen ist die eijuag/nevri dargestellt durch denTeufel, der aber nur mit der Erlaubnis Gottes in das Menschengeschick ein-greift. Und im Menschen selbst liegt die Empfänglichkeit für die Schuld,in seiner Begierde, in der Concupiscentia 323—25.
Die Handlung ist reich an dramatischer Wirkung und an spannenden Mo-menten. Sie erfährt eine Steigerung, indem der zweite Greuel, die Ehe mitder Mutter, den ersten noch übertrifft und die Buße zu völliger asketischerSelbstabtötung getrieben wird. Die Katastrophe ist vernichtend, die Lebens-hoffnung des Helden ist zertrümmert, aber ein größeres Glück ist ihm beschie-den, die Rettung seiner und seiner Eltern Seele. Aller Sündenjammer ist vorbei,Gott hat Mutter und Sohn zusammengesendet ze vreuden in beiden 3939.Der Gregorius ist somit doch keine antike Schicksalstragödie, sondern einechristliche Erlösungsdichtung.
Das religiöse Grundmotiv, die Buße, ruft auch die herrschende Stimmunghervor: es ist ein Schwelgen im Jammer, in Reueszenen. Aber diese Ge-bärdensprache gehört zum Stil der Zerknirschung, und mehr zum Herzensprechen einfach menschliche Gemütsbewegungen: der Schmerz dessterben-
1 Günther Müller, Gradualismus, s. ob. Einl.