194 Die erzählende Dichtung
Schützer des Landes, Friedensfürst 2257—76; der geistliche Fürst 3789—830;dieTugenden des sceldenrichen Jünglings 1235—84; Frauentugenden 864—68).Auch ein Einblick in ein aristokratisches Familienleben wird eröffnet (Be-schreibung des Geschwisterlebens 273—303). Das alles ist Wirklichkeit. Aberviel phantasievoller ist die Welt, die sich im Kopf des jungen Klosterschülersspiegelt. Das ist die des Artusritters. 1 Er träumt von der Scelde, die er er-jagen will, guot und ere will er erwerben und damit Ruhm erlangen, undim Geiste Gaweins verschmäht er gemach für ere und will sich nicht durchgewach verligen 1675—1720. Aber doch hat auch diese Jugendschwärmereieinen habhafteren Hintergrund. Greg, hat es nicht nur auf Ruhm, sondernauch auf guot abgesehen 1684 f. 93—96. 1717. 26, s. 1654-73.2 Und imBefreiungskampf der Mutter setzt er sein Ideal in die Tat um. Auch hierverschwimmt die Erzählung nicht im Nebel der Phantasie.
Trotz der Verwerfung seines früheren weltlichen Dichtens hat also H. aufdas Leben der höheren Gesellschaft auch hier einen Abglanz der höfischenEpik fallen lassen und diese ritterliche Legende mit heldenhaften Zügen aus-gestattet. Auch die Schilderung des Zweikampfs 2091—2164, dazu vorher1999—2042, gehört hierher. Und bekannte Minneweisen klingen an: vonder vrou Minne, si machet ie nach liebe leit 451—56; der Herzenstausch831—52; Minnedienst 1710; die das Lebensgefühl erhöhende Liebe 1966—71;die sündhafte Minne 318. 23. 46; die Gottesminne 871—85 in weltlicherAufmachung. Später, im rein legendenhaften Teil von Gregorius' Buße, hörensolche Töne auf.
Seitab vom Treiben der Welt liegt das stille Kloster am Meeresstrand.Andere Lebensbilder tauchen auf. Die armen Fischer rackern ihr mühsamesLeben ab und das Fischerweib keift, weil sein Söhnchen im Knabenspielgeschlagen wurde. Die Fischer hadern mit dem Abt und die Mönche treibenSpott über die wohlgesetzte Rede des ungebildeten Mannes 1123—26. DasFundkind wird von den Fischerleuten aufgezogen, der Abt nimmt es mitsechs Jahren ins Kloster auf, wir sehen den strebsamen Jüngling die ein-zelnen Stufen der Klosterschule durchmachen — eine unterrichtsgeschichtlichrecht lehrreiche Beschreibung 3 1173—97. Aber der treffliche Klosterschülerhat ein zu unbändiges Blut, um es in der Enge des Klosters aushalten zukönnen. Es folgt die dramatisch sich steigernde Unterredung mit dem Abt.
En. 12614—29 (vorbildl., vgl. Behaghel, En.S. CCX1V); A. Heinr. 50—74; Parz. 170, 15—173, 6; Gotfr.s Trist. 5020-43; Herbortv. Fritzl. s. o.; Wigalois 293, 30—294, 8;Schönbach S. 131 ff. 198; DLz. 1909, 1633.1 Doch ist das ihm vorschwebende Bildvom Rittertum nicht lediglich romanhaft, son-dern das in der Wirklichkeit anerkannte Ideal,das man in der niederrheinischen Ritterschaft
erblickte.
2 Und auf die Hoffnung, seine Rechtlosig-keit zu tilgen, Schönbach S. 303. Als un-eheliches Kind und ohne Ahnen konnte Greg.
eigentlich nicht Ritter werden — eine Mah-nung, daß man die mhd. Dichtungen dochnur mit Vorsicht als historische Dokumentebenutzen darf (vgl. Schönbach S. 62 f.), s.Petersen, Ritterwürde S. 2. 142 ff., Schön-bach S. 301 (der Abt hat ihn tatsächl. zumRitter gemacht, denn er hat gewunnen rittersnamen 1646 f. 54. 65).
3 Schönbach S. 59—73.198—200.220—26.286-90. 289-302. 430-32. — Auch Hilde-bert v. Tours in seinem Liber mathematicusläßt den ausgesetzten Knaben das Triviumund Quadrivium lernen.