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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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192 Die erzählende Dichtung

die schwerste Sünde zu tilgen. Nur den Zweifel, die Verzweiflung an GottesBarmherzigkeit, kann niemand wieder gutmachen. 1

H. betrachtet aber seine eigene Tätigkeit als Dichter unter dem Gesichts-punkte des Themas seines Werkes. Es ist gleichsam eine Bußtat für die Sünden-last, die er durch Worte auf sich geladen. Er macht den alten Unterschiedzwischen weltlicher und geistlicher Dichtung als zwischen lüge und wärheit(wärh. = das Wort Gottes, die christliche Lehre). Danach sind weltliche Ge-dichte Erdichtungen, Lügen, leeres und unnützes Gerede. Sie gehören zuden Sünden des Mundes (peccata oris, der zunge V. 2) und dienen derWeltwonne und dem weltlichen Ruhm V. 4. 2 Mit dieser Absage gegen seinevorherigen weltlichen Gedichte folgt H. einem allgemeinen Gebrauche, schonlat. Dichter des frühen Christentums schickten späteren geistlichen WerkenReuebekenntnisse voraus und solche wurden dann zu einer stereotypen Formelin mittelalterl. Prologen religiöser Dichtungen. 3 Damit verliert auch H.s Selbst-anklage an persönlichem Gewicht. Immerhin aber wird sie nicht lediglicheine äußere Formalität gewesen sein, denn schon daß H. sich einem so strengkirchlichen Stoff wie dieser Büßerlegende widmete, setzte eine angemessenereligiöse Stimmung voraus. In einer solchen Gemütslage befand sich H.zur Zeit seines Kreuzzugs. Wenn er sich doch dann später mit dem Iweinwieder zu dem weltlichen Abenteuerroman wandte, so ist das kein Wandelin der Gesinnung, sondern sowohl sein Erec und Iwein wie die beiden reli-giösen Gedichte haben eine sittliche Tendenz, nur betreffen sie zwei ver-schiedene Stufen der menschlichen Sittlichkeit: Erec und Iwein sind Ideal-bilder edler menschlicher Gesittung, die Legende vom guten Sünder aber gibtein Beispiel zur Erlangung des höchsten Gutes, das ist die Gnade Gottes zurHeiligung der Seele. Und H. selbst reiht seinen Iwein in eine andere, nie-derere Ordnung ein als den Gregorius und den Armen Heinrich, indem erihm eine geringere subjektive Erlebnisstärke beimißt, Iw. 2325: er dich-tete an ihm, wenn er nichts Besseres zu tun hatte. Aber für uns bleibt dochein Rest des psychologisch Unerklärlichen: die Beklagung seiner profanenGedichte als einer schweren Sündenbürde und die Rückkehr zu dem welt-lichen Iwein gehört schließlich doch zu den Widersprüchen des mittelalterl.Denkens und Empfindens. 4

geistlicher u. weltl. Dichtung zeigt am bestenThomasin im W. Gast 10231162, aber ge-rade bei ihm sieht man die Unklarheit, dasSchwanken in dieser moralischen Frage:1135 ff. dankt er den Äventiure-Dichtern, aberim Weiterreden läuft es auf eine Abmahnunghinaus. 114962 u. 353544 beim Lasterder Ruhmsucht wird Artus verdammt, weiler uns Stoff zu großer Lüge gibt. Das eineMal betrachtet er die Abenteuerromane vomstreng kirchlichen, das andere Mal .von demniederen, dem Laien zulässigen Standpunktaus. Es ist eben nicht leicht, sich mit einerdoppelten Moral abzufinden.

1 Ein packendes Beispiel für diese Lehre

fibtDieVorauer Novelle", SCHÖNBACH.Wien.B. 140 (1899) Nr. 4.

2 Bamberger Glaube u. Beichte MSD. I 3S. 304, 190; daselbst d. Register der Sündenin lugisagilon, in lugispellen usw. Z. 192.Hastu ... vil vnnutzer ding od. wort, od.v'nnutze rede als mcerelieder (mereäder Hs.)erdacht, gesagt od. gesungen : Heinr. Wer-ber, Die Bamberg. Beichtbücher aus d. erstenHälfte d. XV. Jh.s, Kempten 1884, S. 67. Vgl.LG. I, 58 ff.

3 Schwietering, Demutsformel S. 75 ff.

4 Die m.alterl. Beurteilung der Abstufungvon