§ 28. Gregorius 191
Dadurch daß der Held der Legende den Namen berühmter Päpste trägt,ist ihr eine historische Weihe gegeben. Aber der Name hat keine geschichtlicheGrundlage, von keinem Papste oder Bischof wird etwas Ähnliches berichtet.Auch hat die Gregoriuslegende keine kirchliche Anerkennung erlangt. DieserGregorius ist nie zu einem Heiligen geworden, wenn er auch in verschie-denen Fassungen als solcher angesehen ist. 1
Die Hauptzüge der Gregoriuslegende begegnen in anderer Verwendungund Zusammenstellung auch sonst häufig in der Literatur der Zeit: 2 DerGeschwisterinzest und die unbewußte Heirat zwischen Mutter und Sohn;die Kindesaussetzungen oft in höfischen Erzählungen und Romanen, besondersim Gaweinkreise, in zwei Lais der Marie de France, im Richars li Biaus,aber auch in Volkssagen; die Elternsuche ebenfalls im höfischen Epos (Vater-suche im Volksepos), die Befreiung der Dame (ein Hauptmotiv der Artus-romane). 3 Der Schlußteil, die Buße Gregors und die Vereinigung mit derMutter, ist rein legendarisch und zusammengesetzt aus geläufigen Sagen- undLegendenformeln: der Ring im Fischmagen,* die Selbsterneuerung der Speisen,das automatische Glockengeläute, die Krankenheilungen. Auch die Bekehrungdes Übeln Fischers gehört zu den letzten Wundern.
Als Legende bezeichnet H. selbst das Gedicht, indem er ihm den Titelgibt diu seltscenen mcere von eim guoten sündcere 174 f. = franz. bonpecheor(Ac), ferner 671—73. 2552. 2606. 4001, vgl. 3825 f. — In der „höfischen"Legende von Gregorius ist das legendäre Element in ritterlich-höfische Umweltverwoben. Das aristokratische Weltleben und der legendenhafte Bestandteilbegegnen sich in der Abstufung von Welttätigkeit und Askese. Aber dasWeltwesen wird mehr und mehr abgestreift und verblaßt schließlich ganzin der Glorie-der Heiligkeit.
Die religiöse Idee des Gedichtes 6 ist im Prolog voraus bestimmt, sieist zusammengefaßt in dem Polarismus von Schuld und Erlösung, von Sündeund Gnade, von Verdammnis und Heil, von Hölle und Gotteskindschaft,der überbrückt wird durch die Buße. Der Zweck der Legende ist mehr aufBelehrung gerichtet als auf Erbauung, eine Ermahnung für den sündigenMenschen, sein Seelenheil zu bedenken; denn die rechte Buße vermag auch
1 Der Abfasser der franz. Version von Toursnimmt Gregor d. Großen als Helden der Le-gende an, wird aber in e. andern franz. Hs.widerlegt, Neussell S. 34.
* Sparnaay, Verschmelzung, dazu Ehris-mann, Anz.43,63-7, Hausrath, Phil.Wochen-schr. 1923 Nr. 23, Arch. 147 (1924) H. 1/2,Krappe, Journ. of Engl, and Germ. Phil. 23,3. Juli 1924; Kurt Wagner, Lbl. 1926, 7 ff.
3 Sparnaay S. 30 ff. — Die Grundbestand-teile sind also, soweit sie nicht rein legenden-haft sind, höfisch stilisiert. — Ueb.die„ Knaben-streitformel" 1285 ff. s. Fr. Rolf Schröder,Nibelungenstud.,1921,S.27.—lieber legenda-rischeMotive s. das schöne Buch von Goswin
Frenken, Wunder u. Taten der Heiligen.
4 Schönbach, Wien. SB. 139 Nr. 5, 136.
5 Greith S. 148 f.; Rud. Schreiber, D. Gre-gor H.s v. A, e. Beitr. z. Lehre von Schuldu. Vergebung im MA., Theol. Stud. u. Kri-tiken 1863 H. 2; Zwierzina, ZfdA. 37,400 ff.;Schönbach bes. S. 48—73. 83—130. 191—204. Zum Prolog: Martin, ZfdA. 29, 466 f.;Seegers S. 27 ff.; Machule, ZfdPh.32,192ff.Die zweite Hälfte des Prologs 87—170 mitd. allegorischen Erklärung des Gleichnissesvom barmherzigen Samariter ist ein etwaswirrer Versuch H.s zu predigtartiger Aus-legung des Themas von Sünde u. Gnade, s.bes. Zwierz. u. Schönb.