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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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Die erzählende Dichtung

Worten, daß die Gregoriussage eine völlige Neuschöpfung durch eine erneuteZusammentragung der einzelnen gleichen Züge ohne Beziehung zur Oedipus-sage sein sollte. 1 Aber der Weg, auf dem diese ins christliche Mittelalter ge-langte, läßt sich historisch nicht verfolgen. Eine aus dem Altertum ununter-brochen fortgepflanzte Sagentradition ist unwahrscheinlich. 2 Die Anlage zueinem christlichen Legendenhelden liegt in Oedipus, insofern er ein Mär-tyrer seiner Lebensschicksale, die Frevel durch Leiden sühnt. Ein fester An-haltspunkt für den Ursprung der Gregoriuslegende aus der Oedipussage istaber durch die ritterliche Tendenz gegeben, denn gerade die ritterliche Auf-fassung des Stoffes ist ihre Wesensbedingung. Damit ist etwa die Mitte oderdie zweite Hälfte des 12. Jh.s als Entstehungszeit anzunehmen. 3 Ob dasfranz. Gedicht ihr erster literarischer Niederschlag ist oder diesem, was wahr-scheinlich ist, eine andere Quelle, vielleicht eine lat. Prosa, vorangeht, istunentschieden. Jedenfalls aber, und das ist wesentlicher, hat der franz. Dichterihr die fortan maßgebende Form verliehen.

Gewiß mochten bei den mittelalterlichen Sittlichkeitsverhältnissen die Fällevon Blutschande nicht so gar selten gewesen sein, und so ist es erklärlich,daß gerade diese Sünde ein so häufig vorkommendes Legendenthema ist, 4denn es sollte an ihm gezeigt werden, wie auch ein so großes Vergehendurch Buße gesühnt werden könne. 6

1 Die Abweichungen von Greg, gegen Oed.lassen sich leicht als Neuerungen begreifen:der Vatermord fiel weg, da er kein Legen-denmotiv für einen Heiligen ist; unter demtechnischen Mittel der Motivenwiederholungwurde das beliebte Thema des Inzestes noch-mals gebracht; die Aussetzung aufs Meerstatt aufs Land ist eine leichte Aenderungder Szenerie; der Abt als Gönner statt desKönigs hebt den legendenhaften Einschlagder Erzählung.

2 Die Geschichte des Oedipus war im MA.bekannt, die Thehais des Statius wurde inden Klosterschulen gelesen (Conr. Hirsau-giensis ed. Schepss S.72L; Manitius 1,634)und ist in dem afrz. Roman de Thebes be-arbeitet (1. Hälfte des 12. Jh.s); vgl. auch d.lat. Klagegedicht des Oed. bei Du Meril,Poesies ined. S. 310 ff., Berl. Hs., 13. Jh. Aufdiesem Wege kann die Oedipussage zurGregoriuslegende umgestaltet worden sein,als gelehrte Mönchserfindung des 12. Jh.s.Auch die Albanusleg. bzw. die ihr und derGreg.leg. gemeinsame Quelle könnte untersolchen Voraussetzungen erst in d. mittel-alterl. Kenntnis d. Oedipussage ihren Ursprunghaben. Die Greg.leg., jedoch mit Wendun-gen nach der Oedipussage hin (Prophezei-ung, Tötung v. Vater und Mutter, aber keinInzest), hat der Verf. des mittelniederl. Kreuz-findungsromans Seghelijn vanJherusa-lem als Rahmenerzählung benutzt, vgl. Hein-zel, Ueb. d. Ged. v. Kg. Orendel, Wiener SB.126 (1892), 51 ff.; Kraus, Dt. Ged. d. 12. Jh.s

S. 198 A. 2; Schneider, Wolfdietr. S. 369.Und schon vorher in dem m.alterl. humani-stisch gerichteten Liber mathematicus desHildebert v. Tours (?). Danach scheint dasWiederaufleben der Oedipussage im MA. ind. Tat mit dem Studium der klassischen Lit.zusammenzuhängen, vgl. Alex. Baumgärt-ner, Die lat. u. griech. Lit. d. christl. Völker,3. u. 4. Aufl., Freib. i. B. 1903, S. 384 ff. Aberdas Inzestmotiv von Mutter und Sohn warin der 1. Hälfte des 12. Jh.s auch ein Problemder Moraltheologie, wie die Behandlung die-ses Kasus in dem Sentenzenwerk des Rober-tus Pullus (um 1140) beweist (s. Schönbach,Ueb. Hartm. S. 100 ff. 404 ff.), und greift dannein in das kirchl. Gesetz von der Heirat inverbotenen Verwandtschaftsgraden. Also hattedie Gregoriusleg. einen vorbereiteten Bodenin der Kenntnis der Oedipussage und in demInteresse, das die Zeit an dem Inzestthemafand.

3 SparnaayS. 12 f. 24.

4 Seelisch, ZfdPh. 19, 410ff.; Otto Rank,Das Inzest-Motiv in Dichtung u. Sage, Leipz.u.Wien 1912; Sparnaay S. 30 ff.

5 So knüpft Caesarius v. Heisterbach (um1220) an einen Mutter-Sohn-Inzest die Be-lehrung: Contritio (die Bereuung) delet pec-cata multo majora (noch größere als die Blut-schande), näml. idolatria, haeresis, abnegatioCreatoris. Ista sunt ex insania diabolica,peccata vero carnalia ex infirmitatehumana, Dialogus Miraculorum Dist. IICap. XI, ed. Strange 1, 77 f.