§27. Iwein 181
Iwein und Laudine zu, sie knüpft die Ereignisse und löst die Verwicklungen,sie ist die Leiterin des Spiels. Aber sie wird bei ihrer Mitwirkung an demGeschick jener beiden Personen aus ihrer aktiven Rolle in tragisches Leidengestürzt und so geht durch das Stück hindurch eine abgerundete Luneten-handlung, eine Lebensbahn von der Höhe zum Sturz und zum Wiederauf-stieg mit dem endlichen Triumph der guten Sache. In der ursprünglichenkurzen bretonischen Erzählung war Lunete zweifellos nur eine Nebenspielerin,aber bei der Ausdehnung zum Roman bot ihre Person günstige Gelegenheitzur Ausfüllung des weiter gewordenen Rahmens und zu fesselnden Szenen.Aus der einstigen Botin der keltischen Sagendichtung wurde durch Ver-mischung mit der Figur der antiken Kupplerin die gewandte, die Fäden derHandlung spinnende Kammerzofe.
Der Ideengehalt 1 im Iwein bewegt sich um das gleiche Problem wieder Erec, nur in umgekehrter Beleuchtung. Iwein kann seinen ritterlichenEhrgeiz nicht mit der Rücksicht auf seine Frau und seinen Fürstenpflichtenin Einklang bringen; der heroische Drang beherrscht ihn zu sehr. Erec„verliegt sich", Iwein verrittert sich, dort zu wenig, hier zu viel Tätigkeit.Das richtige Maß ist nicht eingehalten. H. hat den Grundgedanken stärkerformuliert als Chr., der dem Gedicht überhaupt nicht in dem Maße wie H.einen gedankenhaften Gehalt unterlegen wollte (s. oben Erec).
Ist das Eheleben der ethische Kern dieses einzelnen Falles, des Iwein-romans, so stellt H. 1—20 von vornherein sein Gedicht unter den allgemeinenGesichtspunkt einer höfisch-ritterlichen Morallehre durch die Mahnung zurechter (d. i. ritterlicher) Tüchtigkeit {rehtiu güete, preu et cortois Chr. 3) 2nach dem Vorbild des Königs Artus. Als Ziel des sittlichen Handelns hatH. die Formel scelde und ere aufgestellt, die auch sonst häufig vorkommt(Mhd. Wb. II, 2, 34 ff), bes. aber im Iwein als Segenswunsch got gebe ins. u. e. 4854 f. 5530 f. 6412. 6864 und als Schlußvers 8166 {enor et joie Chr.5338—41 = H. 6409—12, s. u. e. ein Geschenk von Gottes Gnade). —Bemerkenswert ist es, daß H. nirgends im Iwein den Grundsatz der ritterlichenMorallehre, Vereinigung von Weltlehre und Gotteshuld, als höchstes sittlichesZiel ausspricht. 3 Der religiöse Einschlag 4 tritt trotzdem im Iwein noch stärker
1 Zuerst bestimmt von Wackernagel, LG.1. Aufl. (1848—53) S. 164.191 (2. Aufl. v. Mar-tin S. 209. 245); Heinr. ROckert, Kl. Sehr. 1(1877), 137—54; Bech, Iwein 1 , Einl. S. XIII;Ludw. Blume, Ueb. d.Iwein des H. v. A., Wien1879, dazu Lambel, Germ. 24,252—55, Hen-Rici, Jenaer Lit.Zeit. 1879 Nr. 21, Wilken,Gott. g. A. 1879, 605-08.
2 Relitiu güete ist soviel wie Chr.s proesce,ad. preu, d. i. die probitas des Kaplan An-dreas. Morum probitas ist eines der Mittel,Minne zu erwerben.TROjEL S.14, u. die Quellewahren Adels S. 17 f. u. ö.
3 Wirnt hat in seiner Einleitung zum Wiga-lois Hartmann, den er hier nachahmt, in die-sem Sinne ergänzt: den got hie scelde hat
gegeben und dort ein iwiclichez leben 5, 20—6, 2. — Der Prolog H.s, der von Artushandelt, ist rein weltlich gerichtet, Artus istnur ein Vertreter des höfisch-gesellschaftl.Ritterideals. Die Ansicht der Geistlichkeit überArtus vertritt Thomasin, der in seinem W. Gast3525—50 gerade gegen diese Stelle von H.sIwein ankämpft (Schönbach, Anfänge d.Minnesanges S. 62 f.) u. Artus als ritterlichesMuster samt der Ruhmsucht verdammt. DerJugend allerdings, die noch nicht ze sinnekomen ist, mögen Artus u. die Aventiurezur Bildung gereichen, W. Gast 1045 f. 1079 ff.4 Schönbach S. 23— 47; Ehrismann, ZfdA.56, 206—09. — H. weicht in der Verwendungreligiösen Materials von Chr. in bezeichnen-