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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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Die erzählende Dichtung

durch, daß hier in der ursprünglichen Quelle Chr.s, der bretonischen Erzählung,die Gatten sich vereinigten, womit jene Dichtung abschloß; im Roman aberwurde die Versöhnung um ein gutes hinausgeschoben, denn alles Folgendeist Erweiterung der ursprünglichen kurzen Feenerzählung zum umfangreichenRoman. Tiere sind in der irischen und bretonischen Sage öfter Begleiter vonMenschen, beimtreuen Löwen mag eine Erinnerung an denLöwen des Androklosmitgewirkt haben. 1 Das schlimme Abenteuer hat als Kern die keltische (irische)Sage von dem den Riesen geleisteten Menschentribut (die Flachsarbeiterinnen). 2Die scheltenden Leute im Burgflecken und der grobe Torwächter sind Warner.Weitere stehende Motive sind die Kämpfe für bedrängte Frauen, der Freundes-kampf zwischen Iwein und Gawein.

Die Auflösung des Iwein-Romans in seine einzelnen Grundbestandteileführt hinsichtlich von Chr.s Kunst zu den gleichen Ergebnissen wie beimErec. Sein Eigenstes ist auch hier die Durchgeistigung des Stoffes mit einerIdee: er hat die Feenliebe des ursprünglichen Märchens zum Eheproblemerhoben und den dämonischen Anziehungszauber des überirdischen Wesenszur Sehnsucht nach der Gattin und zur Gattentreue veredelt.

Auch der Aufbau 3 gleicht dem des Erec. Nach der Einleitung, die mitder Artushandlung anhebt, folgt die Erwerbung der Frau und das Zerwürfnis.Dieses gibt den Anstoß zu den Abenteuern (das erregende Moment), da-zwischen spielt die Artushandlung hinein und der Schluß bringt die Gatten-versöhnung. Die fünf Kämpfe Iweins bilden eine aufsteigende Reihe vonLeistungen, jeder folgende ist gefährlicher als der vorhergehende. Es sindkeine bloß sportsmäßigen Kraftproben, sondern sittliche Taten zur Hilfe fürunschuldig Bedrückte. Die Zusammenstellung des Kampfabschnittes ist ver-wickelter und künstlicher als im Erec, indem zweimal die Zeitfolge durch-brochen und dadurch die Spannung auf den Ausgang hingehalten wird:zwischen die Befreiung der Lunete ist das Harpinabenteuer ^eingeschaltet,in die Episode der erbstreitenden Töchter das Schlimme Abenteuer (Ein-schachtelung). Der Bau des Romans wird durch die gegenseitige Stellungder drei Hauptpersonen bestimmt: Luneten fällt die Verbindung zwischen

1 Der Löwe als hilfreiches Tier s. Bolte-Poüvka 3, 1; dem Mittelalter bes. in d. Sagevon Heinrich d. Löwen bekannt; in der Le-gende: Goswin Frenken, Wunder u. Tatend. Heiligen, 1925, S. 75 f., 211.

2 Siehe Beitr. 30, 19 u. unten Gotfrids Tri-stan; zu den Arbeiterinnen s. auch UhlandsSchriften 8, 469 f.; BOLTE-POLiVKÄ 1,495.Die unklare Stellung des Burgherrn zu den Ar-beiterinnen, den Riesen u. dem Gast Iwein er-klärt sich aus Motivenvermischung: im Schlim-men Ab. sind zwei getrennte Geschichten zu-sammengeflossen: der Kampf mit den Riesenum die Befreiung der gefangenen Frauen(der Menschentribut); u. das Iweretmotiv: derVater fordert den, der die Tochter will, zum

Kampf heraus, das in Ulrichs Lanzelet ein-geflochten ist: swelch ritter sine (Iwerets)tohter wil, der muoz in mit nitspil in demSchienen walde bestän Ulrichs Lanz. 388587. Die schimpfenden Bürger entsprechenden Leuten von Brandigan im Erec.

3 Rud. Fischer, Zu d. Kunstformen des mit-telalterl. Epos, s. ob.; Elise Richter, Diekün stier. Stoffgestaltung in Chr.s Ivain,ZfromPhil. 39 (1918), 385ff.; Küchler, Üb.d. sentimentalen Gehalt der Haupthandl. inCrestiensErec" u.Ivain", ebda 40 (1920),83 ff.; O. Schulz, Die Darstellung psycholog.Vorgänge in d. Romanen des Krist. v. Troyes,Halle 1903.