§27. Iwein 179
Grundgefüge ist einheitlicher als das des Erec. Es ist das im irischen undbretonischen Volkstum so eingewurzelte Märchen von der Feenliebe, undzwar in dem dreifachen Verlauf: Der Held wird von der Fee ins Elfenlandverlockt (Iwein und Laudine), er geht in die Menschenwelt heim (IweinsAuszug mit Gawein und Abenteuer), er kehrt wieder zur Fee zurück (dieVersöhnung). Das Thema ist durch viele ausbauende, ebenfalls der Zeit ge-läufige Märchenzüge im einzelnen näher umschrieben.
Die Feenlandschaft ist vertreten durch die Linde mit dem herrlichen Vogel-gesang und durch die Wetterquelle. Durch diese ist Laudine als eine Wasser-nixe charakterisiert. 1 Eine Gewässersage ist die Sturmerregung, wie z. B.das schröckliche Wetter im Mummelsee in Grimmeishausens SimplicissimusB. V Kap. 12 (vgl. Grimm, Dt. Sagen Nr. 59). Der gastfreie Burgherr undder Wildhirte (eine in irischen Seefahrtsgeschichten einige Male begegnendeFigur) sind Gestalten, die zum Zauberland hinfördern. Der zu überwindendeWächter ist hier zum Gatten der Fee geworden (vgl. Mabonagrin im Erec).Der gefährliche Torweg entspricht der Brücke ins Totenreich. Die Dienerin,juncfrouwe, Lunete, ist eine stehende Figur in den Artusromanen, der un-sichtbar machende Ring ein bekanntes Märchenmotiv. Die Erlaubnis zurRückkehr in das frühere Leben, die die Fee dem Helden erteilt, ist immeran eine Bedingung geknüpft (hier der Jahrestermin) und der Bruch desGebotes durch den Helden wird bestraft. Die Verwünschung durch die BotinLunete vor versammeltem Artushof hat eine Parallele an der VernichtungParzivals durch die Gralsbotin Kundrie. Der Wahnsinn und das Umherirrenim Walde ist speziell irischen (Cuchulinn) und bretonischen Sagen eigen.Zum Grundstock gehört dann die Heilung des Helden, aber diese geschiehthier nicht durch Laudine — nur die Fee konnte nach Märchenbrauch denbösen Zauber, den sie verhängt, selbst wieder lösen —, denn sie hätte erstmit der Wiederversöhnung eintreten können. An Stelle der Fee ist eine irdischeFrau getreten, die Herrin v. Narison, das ist eine Nachbildung der HeilungErecs durch die Königin Ginover. Hiermit ist das Märchenschema verlassenund den Schluß desselben bildet eigentlich das vorübergehende Zusammen-treffen Iweins mit Laudine bei der Befreiung der Lunete. Das auffallend Unbe-gründete bei dieser Begegnung, bei der Laudine ihren Gemahl gar nicht erkenntund er ohne sich zu erkennen zu geben wieder weggeht, erklärt sich eben da-
Sage; der moralische Gesichtspunkt fällt hierganz weg (Umschwung von Haß in Liebezum Verwandtenmörder auch bei Isolde u. Tri-stan, dabei Brangäne als Vermittlerin, wieLunete im Iw.; vgl. auch die Heirat der Toch-ter mit dem Mörder des Vaters dreimal imLanzelet). — Kalogreant kann schon der ur-
1 Das Modell für die leicht getröstete Witweentnahm Chr. der Jocaste des Roman de The-bes (vgl. Foerster, Wörterb. Einl. S. 95* ff.).Die Geschichte von d. Matrone zu Ephesusist zu e. Thema der Weltliteratur geworden(Eduard Grisebach, Die treulose Witwe,Wien 1873 u. ö., Brown, Iwain S. 9 ff.), un-mittelbar aber hat sie nicht auf Chr. einge-wirkt. Hier im Iw. ist die „Treulosigkeit"in der ursprüngl. Märchenfassung begründet,da der Wächter zum Gatten gemacht wordenist. Der Held erschlägt den Wächter unddringt in das Feenreich ein, so will es die
12*
sprüngl. Erzählung angehört haben, er istKontrastfigur zu Iwein, er ist nicht der zurBestehung der Probe Auserwählte und kommtdarum auch nicht in das Zauberreich, wieauch Parzival als Vorherbestimmter, nichtaber Gawein zur Gralsburg gelangt.