§ 27. Iwein 177
Stimmungen, die, die sie (Laudine) jetzt hat, wird sie hoffentlich noch ändern,sie wird sie gewiß ändern: diese Verurteilung der weiblichen unstcete läßt H. weg.
Einen zweiten Ausfall Chr.s gegen die Frauen 1640—44 übersetzt H. zwar1863—88, aber nur um sofort den Vorwurf der unstcetekeit zu dem Preisihrer gäete umzukehren, denn nur in der Wandlung vom Bösen zum Gutenbesteht ihre unstcete. Und den Schlüssel zu seiner ganzen Haltung gegendie Frauen gibt die endgültige Zusammenfassung seines Urteils ich wil inniwwan guotes jehn, allez guot müez in geschehn. 1 Eine höhere Gewalt istes, die den unbegreiflich plötzlichen Übergang Laudines von Haß in Liebebewirkt, das ist die Minne, die Versöhnerin H. 2054—57, fehlt Chr. bei 1773. 2Also die Idealisierung der Frau und die Minnesentimentalität, die mystischeDeutung des Minnewunders, sind es, die H.s Gedankenablauf hier bestimmen.Und so wendet er denn auch den Ausgang dieser moralischen Verwirrungenwohlmeinend ins Gute, indem er den beiden über den Leichnam des erstenGatten hinwegschreitenden Neuvermählten die Anwartschaft auf Gottes Segenin Aussicht stellt 2421—33. 8139—48. Chr. aber schließt die Tragikomödieder weiblichen Schwachheit in unmittelbarem Lapidarstil 2164 ff: Jetzt istHerr Iwein Landesfürst. Des Toten wird nicht mehr gedacht, Gemahl ist derihn umgebracht. Der hat das Weib und sein Begehren. Dem Lebenden gibtman größre Ehren Als je zuvor dem Toten. 3
Mehrfach hat H., abgesehen von den vielen bloß erweiternden Um-schreibungen — die Kürzungen H.s fallen weniger ins Gewicht — auch sach-lich bereichernde Einlagen gemacht. Das Staunen über die neue Mode desAbenteuerns prägt sich schon **bei Chr. aus in der Verwunderung deskulturfernen Burgherrn im Hinterwald (Chr. 256—61 = H. 369—77) undin der Frage des Waldmenschen äventiure? waz ist dazP (Chr. 362—66 =H. 524—42). H. in seinem Bestreben, das neue höfische Ideal des Ritter-tums im deutschen Publikum einzubürgern, hebt den Gegensatz zwischendem höheren genialen Rittergeist und dem niederen Alltagsphilistertum be-sonders hervor in dem seiner eigenen Erfahrung und Umgebung entnommenenBild vom verbauerten Edelmann 2807—58 (fehlt bei Chr. nach 2502). Durchriterschaft (Waffenübung, Turniere) Ehre erlangen (ere als Stichwort derganzen ritterlichen Moralrede Gaweins 2774. 77. 97. 2801. 63. 2901. 4), nichtsich verligen wie Erec, das ist die Pflicht eines guoten knehtes (eines echtenRittersmanns), s. auch 7171—88 (fehlt Chr.). Aus ähnlichem Gedankengangheraus zu verstehen ist die Gegenüberstellung des Idealismus der Jugendund der praktischen Lebenssorge des Alters in der Unterhaltung im Lust-
1 V. 7674—84 hat H. ein weibliches Selbst-bekenntnis unüberlegter Rede = Chr. 6396—98 erweitert, das schließlich in e. Entschul-digung ausläuft.
2 Mit den Zusageworten ich wil iuch gerne,weit ir mich? hat H. die übliche Verlöbnis-formel nachgeahmt, vgl. Meier Helmbrecht1512—28 nemt ir si gerne?. .. ich neme
Deutsche Literaturgeschichte III 12
gerne ditze wlp; Nib. (Bartsch) 1685, 2;Ulr. v. Türheim, Tristan ed. Massmann S. 502,10.
3 Anregung, auch zu der stilistischen Fas-sung, fand Chr. im Thebenroman, vgl. A.Hilka, Die direkte Rede ... in d. Romanendes Krist. v. Troyes, Halle 1913, S. 128.