176 Die erzählende Dichtung
Die Einleitung ist eine Erweiterung (H. 1—7 = Chr. 1—3; 8—20 = 35—41) mit ordnenden Umstellungen (H. 8—20 = Chr. 35—41 [H. 21—30fehlt Chr.]; H. 31—47 = Chr. 4—7; 48—52 hat Grundgedanken aus Chr.17—28; 53—58 = 29—32). i Gleich in den ersten Versen tritt uns die ver-schiedenartige Tendenz der beiden Dichter entgegen: H. beginnt mit einemallgemeinen Prolog von 30 Versen, Chr. führt sofort in die Sache selbsthinein. Dort der Morallehrer, hier der Erzähler.
In der Schilderung des Hoffestes H. 62—76 = Chr. 8—28 haben die beidenDichter ihre Rollen vertauscht. H. hat von Chr. gelernt, Masse in Handlungaufzulösen, in knappen Sätzen gibt er in Einzelheiten ein umfassendes Bildvon dem bewegten Treiben beim Hoffest; und während Chr. das Vergnügenauf die Unterhaltung mit den Damen, besonders über die Minne, beschränkt{von seneder arbeit H.), läßt H. auch die männlichen Übungen in denRitterspielen zur Geltung kommen und schließt die Szene mit einer kräftigenGegenüberstellung des faulen Keil mit dem ritterhaften Gawein. Mit demeinen Attribut zuhtlös 90 ist Keil für das ganze Gedicht gezeichnet. — DieNachmittagsunterhaltung 77 ff. gibt Beispiele für H.s Milderung und Ver-feinerung des Tones: die Mittagsruhe des Königspaares wird nachsichts-voller beurteilt H. 77—85 = Chr. 42—50, die Scheltworte der Königin, auchdie starken Attribute 69 f. sind weggelassen, ebenso der populäre Ausdruck„eher ließe ich mir ein Auge (oder gar ,einen Zahn') ausreißen" 144. 2
Nirgends tritt Chr.s überragende Kunst stärker hervor als in der Szenevon Laudines Stimmungswandel H. 1783—2445 = Chr. 1589—2169. Diedramatische Lebendigkeit des Gesprächs hat H. mehrfach und gerade anausgeprägter Stelle (das „Plaidoyer" im Monolog Laudines H. 2033 ff. =Chr. 1760 ff.) in bloßen Bericht abgeschwächt. Der Wesensunterschied zwi-schen H.s und Chr.s Gestaltung dieses seelischen Problems liegt indessennicht so sehr in der Darstellung der Ereignisse oder der inneren Bewegungen,auch nicht in der gemilderten Abtönung der Erregungsmittel, als vielmehrin der ethischen Wertung, die dem menschlichen Charakter gezollt wird.Mit bewundernswertem Einblick in die dunkeln Tiefen des Herzens enthülltChr. schonungslos die Tragikomödie der menschlichen Natur. H.s leben-vertrauender Versöhnlichkeit war dieser ethische Pessimismus unverständlichund die bittere Ironie auf den weiblichen Leichtsinn und die weibliche Schwächehat er wohl kaum in ihrem ganzen Umfang erfaßt. 3 Ch.s Ausgangspunkt,der Leitsatz für seine psychologische Einstellung, ist die Unbeständigkeitdes weiblichen Charakters, weshalb bei ihm auch in dem Konflikt die Fraudie größere Schuld trägt als der Mann (vgl. Erec). Die Frau hat tausend
1 Die Art der Benutzung Chr.s spricht da-gegen, daß H. die Einleit.erst nach Vollendungdes Ganzen hinzugefügt hat (Lachmann, Les-arten zu 7147—209).
2 Andere Milderungen: H. 1307—30 u. 1381—1402 gegen Chr. 1150—66. 1173—76. 1203—42; H. 3111—200 = Chr. 2718—73 (Lunete
duzt Iw. verächtlich!); H. 6094—6124 = Chr.5115—41; vgl. Roetteken S. 175 ff.3 Den staatsrechtlichen Kniff mit der Zu-stimmung der Hofleute hat er allerdings nichtabgeschwächt, H. 2395—402 = Chr. 2109—12. 2137—47.