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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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168 Die erzählende Dichtung

das Befreiungsmotiv, die Hofesfreude ist ein Feenmärchen. Auch diese Schluß-geschichten sind keine bloßen Stoffdehnungen, sondern sie führen denIdeengehalt weiter und geben der Charakterisierung der Personen einenAbschluß.

Im Hintergrund des ganzen Romanbildes entfaltet sich das Ideallebender Artusgesellschaft. So durchschlingen sich zwei Lebensgestaltungen: dieHeldenhandlung mit den heroischen Partien und die Artushandlung mitden höfischen Festen und Turnieren, gleichsam Ruhepunkte des bewegtenLebens; jene das aktive Moment, diese mehr Dekoration.

Die vorstehende Zergliederung des Stoffes gewährt einen Einblick in dieArbeitsweise Chrestiens, 1 der doch wohl als der Schöpfer des Erecromanszu gelten hat. Seine Stärke beruht nicht in der Erfindungsgabe die Stoff-teile sind, mehr oder weniger, aus bekannten Erzählungszügen umgebildetund dem allgemeinen Motivenschatz entnommen, sondern in seinem großenErzählertalent, in dem Zusammenbau der einzelnen Episoden, in der seelischenBelebung, in der Durchdringung des Ganzen mit einer Idee (san, Sinn).Aber die Rücksicht auf die fabulierende Wirkung überwiegt die Tragkraftder Grundfabel, denn die Abenteuer werden fortgesetzt auch nach dem Ab-schluß des Eheromans. Die Komposition verläuft nicht nach einem genaudurchdachten Plan, die einzelnen Teile sind in ihrem Werte nicht deutlichabgestuft. Der Eheroman ist verflochten in den Abenteuerroman, die Kata-strophe der Entzweiung der Gatten, die das höchste dramatische Spannungs-moment des Gedichtes ausmacht, ist nur ein die Abenteuerhandlung neubelebendes Motiv.

Die sittlichen Kräfte und die Charaktere. Im Ausgleich der sitt-lichen Leitgedanken von Ritterehre und Minne bestand die Aufgabe des voll-endeten, d. h. des höfischen Ritters. 2 Die Überschreitung des richtigen Maß-haltens innerhalb dieser beiden Leistungen führt zu Reibungen im sittlichenBewußtsein und diese lösen sich in Schicksalswirren und Lebensnöten aus.Erec überschreitet das richtige Maß, er huldigt zu sehr der Minne undschädigt dadurch seine Ritterehre; der erotische Trieb erstickt den heroischen.Die Pflicht des tätigen Lebens, der Arbeit, ist hier an einem Einzelfalleverbildlicht. Diese Grundidee ergibt sich aus der Lebensführung des Heldenund wird auch an einzelnen Stellen in Worten formuliert: der ungetreueGraf, als er durch Enitens List getäuscht wird, bricht in die Selbstvorwürfeaus Silier sine sacke wendet gar ze gemache . . . dem sol ere abe gänunde schände sin bereit; wer gwan ie frumen an arbeit? 40964102;oder wer bejagte noch ie mit släfe dehein ere? 2527 f., 2746. 4977f. 7240

1 Ueber Hartmanns Kompositionsweise:K. Jauker, Ueb. d. chronolog. Behandl. d. Stof-fes in den epischen Gedichten Wolframs v. E.,im Erec u. Ivvein H.sv.A. u. im Tristan Qotfr.sv.,Straßbg., Progr. Graz 1882; Rud. Fischer,Zu d. Kunstformen d. mittelalterl. Epos, Wienu. Leipz. 1899 (zurEpentechnikv.H.sIwein"

S. 380).2 Aus den ritterlichen Standesanschauungenin allgemeine Kulturverhältnisse übertragenwürde diese sittliche Aufgabe des Manneslauten: Vereinigung von Beruf und Familien-leben (Singer, LG. d. Schweiz S. 15).