§26. Erec 167
an Chrestien messen, man muß ihn nach seinen eigenen künstlerischenGrundsätzen bewerten. Indem er diese befolgte, hat er dem gegebenen Stoffseine Eigenart verliehen und ihm sein eigenes Maß und seine ruhige Lebens-form eingegossen.
Quellen und Aufbau des Stoffes. Um die Entstehung des Roman-gebäudes zu durchschauen, muß man die einzelnen Schichten auslösen.Die Grundfabel enthält folgende Hauptmotive: die arme Heirat des Königs-sohns; das Genußleben und die Vernachlässigung der Pflichten; die Vor-würfe der Gattin; die Bestrafung der Gattin, die zugleich eine Treuprobeist. Diese Geschichte hat Ähnlichkeit mit der Griseldissage. 1 Durch Um-rahmung mit schon verbreiteten oder leicht zu erfindenden Einzelmotivenhat Chrestien diesen Erzählungskern zu dem Umfang eines Romans erweitert.Als Eingang wurde die Artussage von der Jagd nach dem weißen Hirschverwendet. 2 Ein geißelschlagender Zwerg begegnet auch sonst in Volkssagen. 8Der Wettstreit um den Sperber ist eine Variante eines verbreiteten Märchens.*Mit dem Eintritt Erecs in die Hütte des armen Edelmanns beginnt die derGriseldissage ähnelnde Grunderzählung, deren erstes Motiv, die niedere Hei-rat, in der Verlobung mit Enite ausgedrückt ist und deren zweites, diePrüfung bzw. Bestrafung der Gattin, sich in der ersten Abenteuerreihe biszur Versöhnung abspielt. In die Probeleistungen der Frau ist das Märchen-gebot (Geß) eingefügt: du sollst während eines gewissen Vorgangs nichtreden. Enite hatte zur Unzeit geredet, dafür wird sie jetzt zum Schweigenverurteilt.
Die meisten Szenen in der Abenteuerreihe Er.s sind schablonenmäßige
Kämpfe, die nach dem technischen Mittel der Steigerung aufeinander folgen,
dazwischen zwei Verführungsgeschichten. Mit der Rache des scheintoten
Erec, einer Gespenstergeschichte, 5 und der darauf folgenden Aussöhnung
der Gatten schließt der eigentliche Grundplan, die arme Heirat und die
Gattinprobe. Indes die Absicht, den üblichen Romanumfang zu erreichen
zugleich mit dem Interesse, das Kampfabenteuer bei dem Geschmack der
ritterlichen Gesellschaft fanden, veranlaßte Erweiterungen, die über den
Abschluß der eigentlichen Fabel hinausgehen: der Kampf Erecs mit Guiv-
reiz ist das beliebte Motiv vom Freundeskampf (wie Iwein und Gawein,
Parzival und Gawein); die Erlösung der Frauen von Brandigan fällt unter
1 Friedr. v.Westenholz, Die Griseldissage,1888; Käte Laserstein, Der Qriseldisstoff ind.Weltliteratur, Weimar 1926. — In der ältestenForm der Griseldissage, Boccaccios Novelle,verlangt d. vornehme Gatte von seinem Weibe,sie dürfe über nichts, was er beginne, unzufrie-den sein. Enite hat durch ihre im Schlaf ent-hüllte Unzufriedenheit die Bedingung gebro-chen. En. erfüllt wie Griseldis mit Geduld u.Demut die kränkenden Gebote des Gatten.Auch Kleiderwechsel, Urteil der Untertanen,Verbesserung der Lage des Schwiegervatersfinden sich in der Novelle.
2 Windisch S. 147.
3 Beitr.30,22; auch Chr.s Ivain 4103—12.
4 Sperber als Schönheitspreis: Meyer-LüBKES. 141 ff., wo weitere Lit.; Saran, Beitr.21,351; Euling, Jakobsbrüder S.125 f.; Singer,Festschr. Ehrismann S.61 ff.
5 Erec ist der Wiedergänger, der seine ge-raubte Frau wieder holt (s. Naumann aaO.).Der gespenstische Gatte führt sein Weib insTotenreich, dem würdeBrandigan entsprechen.Dann läge dem Schluß der Abenteuer Erecsvom Scheintod bis Brandigan die entspre-chende Gespenstersage zugrunde.