166
Die erzählende Dichtung
tes (Chr. 6920—46) fehlt bei H. Und auch in der Vorführung intimer Liebesszenen ist H.enthaltsamer als Chr. — Schließlich ist hervorzuheben, daß die dramatische Lebendigkeitdes franz. Romans von H. auch in der stilistischen Ausprägung abgeschwächt wird dadurch,daß er häufig die Gesprächsform mit berichtender Erzählung vertauscht.
Im Erec hat Chr. auch die tapfersten Ritter der Tafelrunde' verewigt (1691—1750). DasKunststück, die vielen Namen in Reime zu bringen, ist H. (1628—97) nicht so recht gelungenwie Chr. — Mit der Beschreibung des wunderbaren Pferdes 2 , die nahezu 500 V. umfaßt gegenca. 40 V. Chr.s (H. 7286—766 = Chr. 5316—53, vgl. schon früher H. 1426-53 = Chr. 1387— 1422), hat H. gewiß seinen Hörern einen Genuß bereiten wollen. Diese übertriebene Her-vorhebung einer Nebensache beweist aber doch, daß es dem jugendlichen Verfasser nochan künstlerischer Berechnung fehlte. Dasselbe gilt von der Klage Enitens über Erecs ver-meintlichen Tod, die er zu 371 V. anschwellt (5743—6114), während Chr. es mit 65 V.(4606—71) genügen läßt. 3
Die psychologisch bedeutsamste Stelle des Gedichtes ist die Entfremdung der Gatten(Chr.2473 —764, H.3013—92). Sie entscheidet die Handlungen und die ethischen Bewegungender folgenden Teile. Der Widerstreit, der in den Seelen der beiden durch die plötzlicheSchicksalswende Verworrenen vorgeht, ist von Chr. voll und reich ausgestaltet durch Einzel-züge, Gefühlsmomente, erregtes Reden; er läßt die Entstehung und Zuspitzung des Zwistesim Zwiegespräch sich entwickeln. H. verdichtet den dramatischen Familienauftritt zu einemknappen Bericht (Chr. 2473—615, H. 3013—49); er scheint Anstoß genommen zu haben,konnte aber doch die für die Handlung so wichtige Szene nicht ganz übergehen. Die bei-den Dichter haben eine verschiedene Auffassung vom Wertverhältnis zwischen Mann undFrau. H. gewährt der Frau eine minnesingerische Hochstellung, Chr. dagegen als Realisterkennt ihr diesen Vorrang nicht zu: Enite hat durch ihre Vorwürfe gerechten Grund zuihrer Bestrafung gegeben. Sie mißt sich auch selbst die Schuld bei, reuevoll bekennt sie,daß es ihr zu gut gegangen, daß sie im Übermut sinnlos geschwätzt habe (Chr. 2589—2610. 3108—18), und Erec sieht ihr Benehmen als ein Vergehen an. Das paßte nicht in H.shöfische Auffassung. Er entlastet En., indem er ihr die verletzenden Worte nicht als eineso schwerwiegende Schuld anrechnet. Zwar klagt auch bei ihm En. sich selbst der Ver-anlassung zu der gefahrvollen Reise an (5940—73), aber die wirkliche Schuld mißt er Er.bei (wie allerdings erst aus Iwein 2787—98. 2854—78 ganz deutlich wird). Demgemäß sindaber von Chr. und H. auch die Rollen bei der Versöhnung ungleich verteilt: Chr.s Erecverzeiht der schuldigen Gattin (4920—31), der H.s bittet sie um Entschuldigung (6795—804). Die Sympathie neigt sich bei ihm mehr auf die Seite der Frau, deren Treue dennauch immer hervorgehoben wird.
Gegen das Ende gehen die beiden Texte stark auseinander. Bei Chr. fehlen die trauern-den Witwen, deren Schicksal so viel Stimmungsgehalt in das Abenteuer von Brandiganbringt und Gelegenheit bietet, Erecs ritterlichen Charakter ins schönste Licht zu setzen. 4Ganz abweichend von dem deutschen Gedicht spielt in der uns erhaltenen franz. Fassungder Schluß am Hofe des Artus, wo Erec und Enite gekrönt werden und wo die großenFestlichkeiten stattfinden.
Hartmann besaß nicht die schöpferische und selbst nicht die darstellerischeKraft Chrestiens. Will man ihn aber richtig beurteilen, so darf man ihn nicht
1 Ernst Friedländer, D.Verzeichnis d. Rit-ter d. Artustafelrunde im Erec d. H. v. A. ver-glichen mit dem bei Chr. de Tr. u. bei Heinr.v. d. Türlin, Straßbg. Diss. 1902; Heinzel,Wien. SB. 130 Nr. 1 S. 5 f.; Meyer-Lübke,ZffrzSpr. 44,159 ff.; Singer, Wolfr.s Stil S. 56 ff.74; Ders., Aufsätze S. 146 ff.
2 Schönbach S. 319—25; Carm. Bur.S. 160 ff.
3 Schönbach S. 427-30.
4 Das Motiv von den unglücklichen Frauen,die durch den Helden der Erzählung befreitwerden, ist wohl eine Nachbildung der Arbei-terinnen im Schlimmen Abenteuer des Iwein.Es fehlt auch in der nord. Saga. Ob H. es selbst,unabhängig von einer Vorlage, aus d. Iweinentlehnt hat?